Es ist da. Es ist hübsch. Es ist grün. Und es ist selbst gekauft (ich mache hier also keine bezahlte Werbung)1: Mein neues Fairphone 6. Und es ist ein bisschen gruselig. Zum einen weil ich mich immer vor technologischen Herausforderungen (wie dem Einrichten eines neuen Endgeräts) grusele. Zum anderen weil es diesmal anders ist. Denn ich mache es OHNE GOOGLE.
Hallo Murena!
Warum ohne Google? Weil Google aufdringlich ist. Es hat z. B. vor ein paar Wochen angefangen, mich regelmäßig nach Rezensionen zu fragen, ohne dass ich etwas an meinen Einstellungen für Benachrichtigung geändert habe. Grundsätzlich darf mich nämlich niemand benachrichtigen, dem ich das nicht ausdrücklich erlaube. Wer es dann trotzdem tut, ärgert mich. Das ist das eine.
Das andere ist, dass ich keine Lust mehr habe, alle meine Daten US-Amerikanischen Unternehmen zu überlassen. Denn wer weiß, was sie damit machen? Microsoft hat vor einigen Tagen angeblich die Namen und Nachrichten niederländischer Beamten, die an der Umsetzung des europäischen Digital Services Act (DSA) arbeiten, an US-Behören übergeben (laut dieser niederländischen Quelle hier).
Als Fairphone vor Kurzem ankündigte, den Support für das 3er-Modell einzustellen, das ich seit fast sieben Jahren habe, war ich also nicht nur ready für einen Neustart mit dem aktuellen 6er-Modell. Ich war auch bereit für einen noch größeren Schritt und habe mir das aktuelle Fairphone-Modell 6 mit dem Google-freien Betriebssystem Murena bestellt.
Die Vorbereitung
Open Scource, top Datenschutz, mit Servern in Deutschland, dem Headquarter in Frankreich und überhaupt sehr europäisch: Das klingt super. Und es läuft offenbar auch. Ich finde ein paar (zwei) beruhigende Umstiegsberichte – z. B. diesen hier von Martha, der mich letztlich ermutigte, das Experiment zu wagen. Geholfen hat zudem, dass sich zufällig herausstellte, dass eine sehr gute Bekannte schon länger ohne Probleme mit dem Murena-Phone lebt – inklusive DB App und Online-Banking. Also was soll schon schief gehen!
Und schief gegangen ist bisher auch nichts. Der Anfang allerdings war holprig Das neue Gerät lag fast eine Woche auf dem Küchentisch, bevor ich mich entschließen konnte, es anzuschalten. Denn ich war nervös. Läuft das wirklich? Mag ich es? Klappt der Umstieg? Und was wird alles ganz anders werden? Tagelang schob ich den Datenumzug vor mir her. Immerhin waren meine alten Accounts und Apps dann gut sortiert, als ich es doch wagte.
Der Umsteig
Und das war auch gut so. Denn so federleicht wie ein iPhone-Wechsel gestaltete sich hier nichts. Zunächst werde ich vor die Wahl gestellt, wie viel Google ich behalten will. Denn ganz ohne geht es leider doch nicht. Das heißt, es geht schon. Dann müsste ich aber auf fast alle gewohnten Apps verzichten und, soweit vorhanden, auf Murena- oder Open-Scource-Lösungen umsteigen. Soweit bin ich noch nicht. Ich entcheide mich also für mein Online-Banking und die KVB-App und gegen die komplette Anonymität. Ich wähle die angebotene Balance zwischen Datenschutz und Komfort und registriere mich mit meiner G-Mail-Adresse in der App-Lounge, aber nicht systemweit.
Immerhin laufen die heruntergeladenen Apps nun weitgehend ohne Google-Hintergrundanwendungen. Möglich macht das z. B. microG, das die Google PlayDienste ersetzt (imitiert?) und weitere Puffer-Dienste. So habe ich also nach ein paar Tagen meine vertrauten Apps (in ziemlich vertrautem Design) und muss auf fast nichts verzichten. Nur bei einigen Apps überlege ich noch – z. B. beim Zeitfresserchen LinkedIn und Spotify. Open-Scource-Alternativen kann ich natürlich trotzdem nutzen – weshalb ich jetzt einen neuen Podcast-Player habe (AntennaPod). Die Daten übertrage ich jeweils einzeln per App – per Kabel, per Bluetooth oder auch über die Cloud.
Nach und nach habe ich so Signal, meinen Passwortspeicher, meine BankingApps, meine Mail-Anwendung, meine Mastodon-Accounts (über Yuito) uvm. installiert und fast alles läuft einwandfrei. Probleme macht mir ausgerechnet die KVB bzw. die eezy-App mit der man hier in Köln seit kurzem die ÖPNV per Klick-Check-In benutzen kann. Leider habe ich das auch noch nicht gelöst (das Wetter ist zu gut, ich fahre eh nur Fahrrad). Gelöst habe ich aber meinen problematischen Zugang zu unserem Familien-Nextcloud-Server: Der war nach der erfolgreichen Erstinstallation tagelang laut Display „im Wartungsmodus“ und ich habe Sschlimmstes befürchtet. Aber – guess what? Er war einfach ungewöhnlich lange im Wartungsmodus (und der hatte nix mit meiner persönlichen Google-Flucht zu tun).
Das erste Fazit
Es ist nicht nur hübsch. Es läuft auch. Eine tolle Hülle habe ich auch gefunden (nicht die von Fairphone). Die Kamera ist viiiiel besser als meine alte. Und die Klingeltöne konnten die selben bleiben. Schlimm ist bisher noch die Karten-Alternative zu GoogleMaps, mit der ich überhaupt nicht klar komme. Das ist besonders deshalb schade, weil ich mich jetzt endlich überwinden konnte, meinen Standort freizugeben. Aber wer weiß, vielleicht freunden wir uns noch an – oder ich finde noch eine bessere. Ähnlich sehe ich das mit der KVB-App. Damit werde ich mich bei schlechterem Wetter beschäftigen. Und mit so vielem mehr noch. Denn inzwischen habe ich auch ein Murena-Konto und entdecke schon wieder eine neue Welt. Und ich muss sagen: Das fühlt sich schon sehr gut an. Und gar nicht mehr gruselig.
Fußnote:
- Ich mache hier also keine bezahlten Job für Fairphone! Natürlich ist das alles werblich – aber ich schreibe es, weil ich seit fast 7 Jahren mit meinem alten Fairphone zufrieden bin und mich jetzt freue, dass es das neueste auch Google-frei gibt. Und weil ich den Lernprozess des Umstiegs dokumentieren will. ↩︎