Oder sollte es besser heißen „ehrgeiziger Idealismus“? Oder moralischer Ehrgeiz? Oder Moral für Macher*innen? Oder doch einfach moralische Ambition, weil es am einfachsten ist und nicht ganz so verbissen klingt? Dafür hat sich jedenfalls Rowohlt entschieden. Das Ende 2024 dort erschienene Werk von Rutger Bregman heißt auf Deutsch fast genauso wie im Englischen: Moralische Ambition.
Ein sperriger Begriff – im Deutschen wie im Englischen. Entsprechend war meine erste Reaktion auf den Titel, naja, eher ein langezogenes „Aaaahha….?“. Immerhin gibt der Untertitel Hinweise auf das, was drin ist: Wie man aufhört, sein Talent zu vergeuden und etwas schafft, was wirklich zählt. Okay. Und so habe ich also nach kurzer Skepsis beschlossen, die Antwort auf meine langezogene Frage zu suchen, und die englische Fassung gekauft, die es schon als günstiges Taschenbuch gibt. Denn sehr neugierig war ich doch auf das neue Buch des niederländischen Bestseller-Autors.
Viel Applaus – nix verändert
Bregman hatte 2019 auf einer Bühne des World Economic Forum (WEF) in Davos die anwesenden Milliardäre (die teilweise mit ihm auf dem Podium saßen) aufgefordert, endlich Steuern zu bezahlen, statt in den Schweizer Bergen ambitionierte Reden zu schwingen – und mit dieser banalen Selbstverständlichkeit damals vielen (auch mir) aus dem Herzen gesprochen. Seitdem wird er für diesen Auftritt gefeiert, mehr noch allerdings für seine hoffnungsfrohen Bücher. Die nämlich sind nicht nur leicht zugänglich, unterhaltsam geschrieben und voller schlauer Ideen. Sie sind vor allem zuversichtlich, denn sie beschreiben, dass der Mensch im Grunde gut ist und wir deshalb eigentlich viel fairer und besser zusammenleben könnten.
Passiert ist in dieser Hinsicht allerdings wenig. Bregmans Bücher haben sich gut verkauft, der Appell bekam unzählige Likes, doch für Zuversicht gibt es nach wie vor wenig Anlass: Reiche nutzen immer noch alle möglichen Steuer-Schlupflöcher, die Einkommensverteilung ist noch ungleicher geworden, die Klimakrise noch akuter und die Diskussionen dazu unproduktiver denn je.
Weltverbesserung – aber zackig!
Und genau deshalb hat Bregman nun eine Art Handbuch vorgelegt, mit dem er dazu beitragen will, dass wir endlich zu Potte kommen: Sein Buch soll ein überfälliger Tritt in den Hintern aller sein, die denken, dass man eigentlich endlich mal was tun müsste. „The kind of book you half-wish you’d never picked up at all because once you put it down, you might just have to change your life“1, schreibt er in Prolog. Und ich denken nicht mehr langezogene Fragen, sondern ein kurzes, erstauntes „Wow“. Was für ein Anspruch.
Um es vorwegzunehmen: Ganz so grundsätzlich hat das Buch mein Leben nicht verändert. Und zwischendurch ging es mir fast auf die Nerven, mit dem ständigen Anspruch von Effizienz, Aktion und messbaren, greifbaren, sichtbaren Ergebnissen. Bregman denkt Weltverbesserung wie ein Projektmanager oder Unternehmensgründer: Er sucht nach Marktnischen, brillianten Talenten und strategischen Hebeln, um mit wenig Input möglichst viel zu erreichen. Er bearbeitet also die Sehnsucht nach einer faireren, nachhaltigeren Welt mit der Logik der kapitalistischen Leistungsgesellschaft.
Das macht der Autor schlüssig und überzeugend. Und er hat damit viele zu begeisterten Fans gemacht, wenn man den zahlreichen Lobeshymnen innerhalb und außerhalb der Buchdeckel glauben kann: vom Talkshow-Star Trevor Noah über die Bestseller-Autoren Adam Grand, Daniel H. Pink und David Allen bis hin zum Schauspieler Stephen Fry sind alle hochinspiriert. Und das freut mich wirklich, denn klar: Hauptsache, es funktioniert! Wenn dadurch endlich was passiert und (potenziell) mächtige Leute aktiv werde, ist das wunderbar.
Mich persönlich allerdings hat das Gesamtwerk nicht so sehr berührt, dass ich selbst Mut fasse, (noch) aktiv(er) zu werden. Aber ich als engagierte, verzweifelte mittelalte Frau bin auch nicht ganz seine Zielgruppe2.
Trotzdem finde ich viel in dem Buch, was mich begeistert. Gerade die Beispiele aus der Geschichte, mit denen der Historiker argumentiert, um zu erklären, warum manche Menschen wirksamer werden als andere, sind hochspannend.
Erkenntnis 1: Veränderung braucht Strategie
Sehr berührt hat mich beispielsweise die Geschichte von Rosa Parks. Oder vielmehr die Geschichte hinter der Geschichte von Rosa Parks. Denn sie war gar nicht nur die vermeintlich einfache Näherin, die am 1. Dezember 1955 müde nach einer langen Schicht war und ihren Sitzplatz im Bus einmal nicht für einen Weißen freimachen wollte.
Rosa Parks war schon seit Jahren engagierte Aktivistin und aktives Mitglied der Bürgerrechtsbewegung National Association for the Advancement of Colored People (NAACP). Und sie war eine geeignete Symbolfigur: Sowohl die NAACP, vor allem aber der Women’s Political Council (WPC) und seine Vorsitzende Jo Ann Robinson, die treibende Kraft hinter dem Busboycott in Montgomery, trauten ihr zu, erfolgreich im Scheinwerferlicht zu stehen, um Unterstützung für die große gemeinsame Sache zu gewinnen. Ein paar Monate zuvor hätten die Aktiven im WPC schon einmal überlegt, den lang vorbereiteten Boykott zu starten, schreibt Bregman. Doch die 15-Jährige Claudette Colvin, die damals brutal aus dem Bus geworfen worden war, schien nicht anschlussfähig genug – erst recht nicht, da die Teenagerin aus armen Verhältnissen schwanger war. „Die Medien hätten sie in der Luft zerrissen“, formuliert es Bregman.
Der Historiker will mit dem Beispiel zeigen, dass erfolgreiche Idealistinnen schon immer strategisch gedacht haben: Natürlich hätte Colvin die Unterstützung ebenso verdient wie Parks, sie hätte aber höchstwahrscheinlich der gemeinsamen Sache als Symbolfigur keinen großen Dienst erweisen können. Zugleich wurde Parks selbst als einfache Frau inszeniert und ihr Engagement in der Bürgerrechtsbewegung strategisch unter den Teppich gekehrt. Und ja, das hat erwiesenermaßen ganz hervorragend funktioniert. (Kleine aktuelle Ergänzung: Colette Colvin übrigens leistete dennoch wichtige Beiträge im Kampf gegen die Diskriminierung. So reichte sie 1956 u.a. gemeinsam mit drei anderen Frauen erfolgreich Klage gegen die Rassentrennung in Bussen in Montgomery ein. Sie starb im Januar 2026 im Alter von 86 Jahren als anerkannte Aktivistin.)
Erkenntnis 2: Impact braucht „We-Time“
Die zweite Lektion, die mich nachhaltig beeindruckt hat, ist, dass Veränderung immer ein Gemeinschaftserfolg ist. Mehrfach argumentiert Bregman mit konkreten Beispielen, dass der Erfolg einer Bewegung nicht nur an den starken Persönlichkeiten im Rampenlicht liegt. Ebenso verantwortlich waren, so Bregman, in der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung z. B. diejenigen, die in letzter Minute vor der historischen Rede Martin Luther Kings dafür sorgten, dass die Technik funktionierte. Die war nämlich vorher sabotiert worden. „Ohne Mikrofon aber hätte nur die paar Leute in den ersten Reihen von Kings Traum hören können“, erklärt Bregman in einem der vielen Podcasts, in denen er über sein Buch spricht.
Ein wichtiger Faktor dafür, dass im entscheidenden Moment alle an einem Strang ziehen und wirklich effektiv in Aktion kommen, ist, dass man sich kennt, dass man weiß, wer was kann und warum man einander helfen will. Nur dann wird im entscheidenden Moment angepackt statt gezögert.
Damit diese Energie entsteht, braucht es viel „We-Time“: in vielen öffentlichen Sitzungen, geheimen Meetings, bei schnellen Absprachen, größeren Aktionen, gemeinsamen Feiern und in guten Netzwerke. All das musste in der Vor-Handy-Zeit mühsam organisiert, aufgebaut und lebendig gehalten werden – und das brauchte Zeit. Diese Zeit aber war wohl investiert: Dank ihr gelang es dem WPC 1955, über Nacht 35.000 Flugblätter zu drucken und in der Schwarzen Community zu verteilen, oder dem NAACP, für den Marsch nach Washingten 250.000 Teilnehmenden zu mobilisieren. „Früher war eine wirklich große Demonstration der Höhepunkt langwieriger Vorbereitungen, ein Ausrufezeichen am Ende eines Satzes“, zitiert Bregman die Soziologin Zeynep Tufekci.
Heute dagegen reichen dafür ein Impuls und ein paar Klick in Social Media – und beides verpufft selbst nach wirklich großen Aktionen leider schnell wieder. Und allein, um das zu ändern, lohnt sich ein Blick in das Buch. Denn: „Awareness isn’t the same as Change“, so das Credo von Bregman. Es reicht nicht, dass Menschen sich problematischer Zusammenhänge bewusst sind. Damit sie daraus Konsequenzen ziehen und sich etwas verändert, braucht es mehr: zumindest ein bisschen Moralische Ambition.
Erkenntnis 3: Man muss nur fragen
Auch die dritte Erkenntnis basiert auf einer Geschichte aus der Vergangenheit: Historiker Bregman erzählt vom westniederländischen Dorf Nieuwlande, in dem während des zweiten Weltkriegs mehr jüdische Menschen versteckt worden waren (gemessen an der Bevölkerungszahl) als fast überall anderswo in Europa. Der Grund dafür ist ein Mann, der sich nicht beirren ließ und ständig neue Verstecke organisierte: Arnold Douwes. Dafür tat er vor allem eins: Er fragte alle möglichen Leute – und zwar so, dass sie nur sehr schwer Nein sagen konnten. Manche taten es trotztdem, die meisten aber stimmten zu und nahmen sogar noch eine zweite oder eine dritte Person oder Familie auf. Nachdem sie einmal angefangen hatten, schien das offenbar nur logisch.
Bregmans Erkenntnis: „Man tut nicht Gutes, weil man ein guter Mensch ist. Sondern man ist ein guter Mensch, weil man gute Dinge tut.“ Und um damit anzufangen, brauchen die meisten von uns nur jemanden, die oder der sie fragt. So gesehen haben wir alle eine großen Hebel in der Hand, um die Welt zu verändern: Wir können darauf warten, dass uns jemand fragt und dann Ja sagen. Oder wir fangen selbst an, zu fragen. Darüber, wen ich worum bitten könnte, werde ich mit Sicherheit weiter nachdenken.
Fußnoten:
- „Ein Buch, nach dessen Lektüre man sich halb wünscht, man hätte es nie aufgeschlagen, weil man nun eigentlich das eigene Leben ändern müsste.“ ↩︎
- Erreichen will Bregman vor allem junge Leistungsträger*innen, die er davon überzeugen will, nicht im „Bermudadreieck der Nachwuchstalente“ (in Unternehmensberatungen, Anwaltskanzleien oder dem Finanzsystem) Karriere zu machen, sondern mit gesellschaftlichen relevanten Projekten. ↩︎