Intuition führt

Ich hab’s schon wieder getan. Ich hatte einen guten Impuls und bin ihm nicht gefolgt. Wie doof. Denn es wäre für alle Beteiligten gut gewesen, wenn ich es getan hätte.

Konkret habe ich beim vergangenen Ausbildungswochenende in der Übungsmediation nicht gedoppelt, obwohl ich sogar schon den Mund dafür aufgemacht hatte. Aber es kam dann wieder nichts raus, weil meine Co-Mediatorin gleichzeitig eine andere Spur verfolgte. Und ich habe ihr den Vortritt gelassen. Schade.

Denn das Doppeln hätte dem Prozess gut getan: Der eine hatte gerade verstanden, warum „das Problem“ für sein Gegenüber ein Problem ist. Er hat gehört und gesehen, wie viel Trauer und Frust und Wut sich aus jahrelangen demütigenden Erfahrungen angesammelt hatte. Er hatte verstanden, dass hinter dem, was sich täglich in kleinen Spitzen im Umgang mit ihm Bann brach, viel mehr steckte als ein bisschen Empfindlichkeit.

Dieses frische Verständnis hätte ich vertiefen und stabilisieren können, wäre ich zu ihm gegangen und hätte gesagt: „Darf ich mal zu dir kommen und etwas für dich formulieren, und du sagst mir, ob es stimmt?“ Was ich dann gesagt hätte:

  • „Wenn ich höre, wie du aus der Vergangenheit erzählst, macht mich das ganz betroffen. Stimmt das?“
  • „Und ich finde es furchtbar, dass mein Verhalten deine Wut und Trauer immer wieder aufleben lässt. Stimmt das?“
  • „Und das verunsichert mich total. Stimmt das?“
  • „Und ich würde wirklich gerne verstehen, wie ich dazu beitragen kann, dass es nicht so ist. Stimmt das?“
  • „Gleichzeitig will ich keine Verantwortung für das Verhalten von anderen Menschen übernehmen. Stimmt das?“

Vielleicht hätte ich nicht mit allem ins Schwarze getroffen, vielleicht hätte ich auch das eine oder andere „Nein, so stimmt das nicht“ bekommen. Aber sicher ist, dass wir dort geblieben wären, wo Verständigung passiert. Und egal, welche Antwort ich bekommen hätte, die Annäherung zwischen beiden Konfliktparteien wäre stärker geworden.

Was wir stattdessen gemacht haben? Wir haben uns gefreut und gespiegelt, dass er soweit verstanden hat, und sind dann in die falsche Richtung abgebogen. Ich habe ihm irgendwann sogar zugesichert, dass er ja nicht „in Sippenhaft genommen werden“ soll für all die anderen. Und gemeinsam haben wir ihn so in seiner Selbstgewissheit (die nach der ersten Erkenntnis schnell wieder da war) bestärkt, dass das ja alles nichts mit ihm zu tun hat und doch nur sie und ihre Erfahrungen „das Problem“ sind. Ganz schlecht. Das Verständnis und der Moment der verbindenden Erkenntnis – einfach wieder weg.

Autsch. Dabei wusste ich es besser.

Mein schmerzhaftes Learning: Folge deiner Intuition! Das kann nie falscher sein, als ihr nicht zu folgen. Nie! Denn selbst wenn die Idee nicht ankommt beim Gegenüber, kann ich mich immer einfach wieder hinsetzen und woanders weitermachen. Schlechter wird dadurch selten etwas.

Besonders wurmt mich ja, dass ich genau den gleichen frustrierende Fehler schon einmal gemacht habe: In der Intensivwoche im März hatte ich schon einmal zurückgezuckt und nicht gedoppelt. Obwohl mir die richtigen Worte im Herz und auf der Zunge lagen (wie sich bei der Analyse später herausstellte).

Oh, wie habe ich mich geärgert.

Offenbar aber nicht genug. Ich brauche also noch eine zweite Erinnerung an das gleiche Learning, das ich mir schon einmal dick in mein Heft geschrieben habe: Folge deinen Impulsen. Vertraue deiner Intuition. Du kannst es. Du weißt es. Mach’s einfach. Oder probiere es wenigstens. Alles ist besser, als es nicht zu probieren.

Und ja, der Kopf weiß das. Natürlich. Aber der Wille fehlt. Und zwar schon so lange, merke ich gerade: Denn schon damals, 1991, wäre die Abi-Zeitung ein bisschen besser (zumindest aber voller) geworden, wenn ich meine Idee eines Horoskops für unsere Lehrerinnen und Lehrer einfach mal beigesteuert hätte, statt sie in Stille sterben zu lassen. Und vor rund 10 Jahren hätte ich aus einem Thema, dass ich intuitiv ganz groß fand, nicht nur einen Fachartikel, sondern ein ganzes Buch machen können. Diese Idee ist übrigens noch nicht einmal in Stille gestorben – sondern dann von jemandem anderen umgesetzt worden. Autsch.

Also los. Nächstes Mal mache ich den Mund auf!

Nichts wird so schief gehen, dass ich es nicht mehr korrigieren kann. Niemand wird mich auslachen. Niemand wird die Stirn runzeln oder mit den Augen rollen. Und wenn doch – dann sehe ich darüber weg. Weil ich weiß, was ich tue. Hauptsache keine gute Idee stirbt mehr in Stille.