Wer bekommt das klimatisierte Büro? Darf das Planschbecken in den Gemeinschaftsgarten? Kann die Eigentümergemeinschaft die Klimaanlage in der Dachwohnung verbieten? Wer kümmert sich um Oma – wer bleibt zu Hause, wenn die Kinder hitzefrei haben? Diese Fragen stellen sich, wenn eine Hitzewelle tobt. Und sie sorgen für Konflikte. Für Klimakrisenkonflikte.
Das macht mir einerseits Angst. Denn diese Klimakrisenkonflikte steigern das Konfliktpotenzial, das ohnehin schon groß ist in einer angespannten, individualisierten Gesellschaft, in der Kompromisse und Zugeständnisse einen schlechten Ruf haben. Und weder die Belastungen noch die Durchschnittstemperaturen werden mittelfristig sinken. Eine gruselige Aussicht.
Krisen als berufliche Chance
Gleichzeitig lässt sich die Enwicklung auch als gute Nachrichten lesen. Zumindest, wenn man wie ich gerade die Ausbildung zur Mediatorin abgeschlossen hat. Denn wo Konflikte sind, wird Mediation gebraucht.
Es gibt also einen Markt, der auf mich wartet (auch wenn er das vielleicht selbst noch nicht weiß). Und es gibt noch mehr Anlässe, zu denen ich Menschen mit meinen neuen Kompetenzen wirklich weiterhelfen kann: Ich kann dafür sorgen, dass sich die Gemüter abkühlen, dass ein ehrlicher, sachlicher Austausch wieder möglich wird und dass darüber geredet wird, worum es wirklich geht hinter dem Hitzestress und Verteilungsfrust.

Nach 10 Monaten, 205 Lern- und Intervisionsstunden und unzähligen Übungsfällen bin ich seit dem (bisher) wohl heißesten Sonntag dieses Jahres ausgebildete Mediatorin nach den Standards des Bundesverbands Mediation & des Mediationsgesetzes (im Bild die Bestätigung und mein schönes StarterKit, das wir vom Ausbildungsinstitut klären & lösen mitbekommen haben!).
Das heißeste Wochendende ever
Ausgelöst wurden diese Gedankengänge durch eine Bemerkung unserer Ausbilderin Imke. Sie beschrieb im letzten Modul vergangenen Samstag einen Konfliktfall, der klar klimabedingt entstand war: In einem Unternehmen, das Desk-Sharing praktizierte, beschwerten sich Teammitglieder darüber, dass sich Leute aus anderen Abteilungen – die keine klimatisierten Räume hatten – in ihre Stammplätze eingebucht hatten. Das Absurde: Die Empörten selbst waren im kühlen Homeoffice geblieben, ihre Plätze also frei. Die Gegenempörung ließ nicht lange auf sich warten. Et voilà: Teamkonflikt.
„Solche Fälle wird es mit Sicherheit immer häufiger geben“, meinte Imke dazu mit Blick auf die sengende Sonne vorm Fenster des klimatisierten Seminarraums im nh-Hotel am Mediapark, wohin wir spontan geflüchtet waren. Denn in unserem vertrauten Raum im Kölner Filmhaus war die Hitze unerträglich gewesen: Weil das städtische Haus – natürlich – keine Klimaanlage hat, war es drinnen kaum kühler als draußen, wo es punktuell bis zu 40 Grad heiß wurde (da halfen auch die sieben Ventilatoren – fünf davon selbst mitgebracht – nichts).
Wir brauchten also nicht viel Fantasie, um uns vorzustellen, wie die Emotionen hochkochen, wenn die klimatisierten Schreibtische rar sind.
Aber: Hitze allein eskaliert nicht
Nach 10 Monaten intensiver Ausbildung konnten wir uns zudem auch vorstellen, dass die hohen Temperaturen wahrscheinlich nicht allein der Grund für den Konflikt waren. Vielleicht waren die Empörten auch nach Jahren im neuen Setting noch wütend darüber, dass sie ihre Einzelbüros aufgeben mussten. Vielleicht waren sie genervt, weil die betreffende Kollegin nicht nur den Schreibtisch, sondern auch die Position in einem begehrten Projekt übernommen hatte. Oder vielleicht hatte es schon andere, ernstere Eingriffe in ihre Privatsphäre gegeben … Und auf der anderen Seite gab es vielleicht Neid auf inoffizielle Privilegien, verletzte Gefühle aus früheren Zusammenstößen und die Sehnsucht danach, endlich auf Augenhöhe mit den altgedienten Kollegen zu sein…
Denn es sind eher solche Dinge, die in einer Mediation auf den Tisch kommen, bevor eine Klärung möglich ist. Das haben wir in den zahlreichen Rollenspielen immer wieder erlebt und gefühlt (darüber habe ich hier schon geschrieben: Wahrheit heilt): Es ging nie nur darum, ob der Hund mit ins Büro darf, ob die Biotonne richtig befüllt wird oder ob der WG-Genosse zuviel Raum einnimmt in der gemeinsamen Wohnung. Selbst in vermeintlich einfachen Fällen kam es bisweilen zu unerwarteten Gefühlsausbrüchen und – danach – zu überraschenden Erkenntnissen.
Emotionaler Abschluss
Was wir noch konnten nach 10 Monaten Ausbildung: Feiern!
Als sich das letzte gemeinsame Wochende am Sonntag dem Ende zuneigte, gab es neben vielen Schweißperlen zwar auch die eine oder andere Träne (schließlich ging eine sehr intensive gemeinsame Lernreise zu Ende!). Vor allem aber gab es Jubel, Sekt, Musik und sogar Tanz!
Und es gab „Zeugnisse“! Meins habe ich ganz berührt – und barfuß – in Empfang genommen von Imke Trainer, die unsere Ausbilderin war zusammen mit Carolin Pierau-Guerrero. Hach. Was für ein schöner Abschluss einer wunderbaren Ausbildung!
