Ein Jahr ist es nun her, dass ich das Kommunikationstraining „Dialog mit Andersdenkenden“ am Friedensbildungswerk Köln gemacht und versucht habe, Wege zu finden, um mit Menschen sprechen zu können, die komplett anders denken als ich. Ein Jahr, in dem ich es kaum geschafft habe, das Gelernte umzusetzen. Ein Jahr, in dem ich selbst immer wütender geworden bin. Ein Jahr, in dem ich immer mehr Verzweiflung angesammelt habe statt Empathie für Andersdenkende.
Hat es also nichts gebracht? Aber ja doch.
Schon weil Lernen immer den Blick weitet. Zudem hat es sich gelohnt, weil ich jetzt besser verstehe, warum mir dieser Dialog so schwer fällt. Weil ich jetzt weiß, dass es „normal“ ist, dass ich mich durch eine Meinung, die meinen Werten, widerspricht, sofort bedroht fühle und zurückschlagen möchte (auch wenn ich weiß, dass das nur die Gegenwehr verstärkt). Weil ich jetzt mehr Verständnis für meine eigenen Reaktionen habe. Und weil ich mich damit weniger allein fühle. Ganz konkret hat sich das Seminare hier z. B. auch gelohnt, weil ich diesen Reflex des Zurückschlagens bei mir selbst schneller erkenne – und ihn manchmal sogar ausbremsen kann, zumindest ein bisschen.
Dieses Ausbremsen der eigenen Aggression haben wir nämlich ausführlich geübt.
Meine wichtigeste Erkenntnis dabei: Um mich Andersdenkenden oder „Drachen“ (so nennt Trainer Jochen sehr wütende Menschen) empathisch nähern zu können, muss ich erst einmal mir selbst mit Empathie begegnen (also mich dem Drachen in mir stellen!). Das war der erste Schritt in die Übung hinein und zu Andersdenkenden hin. Als ein solcher (äußerer) Drache stand eine aus unsere Gruppe am anderen Ende des Raums und rief uns einen fiesen Spruch zu („Diese Ausländer sind doch alle nur Schmarotzer“). Wir haben diesen Spruch – jeder und jede für sich – gehört und schnaubend ausgeatmet im Sinne von dampfende Rauchschwaden abgelassen. Dabei haben wir (mehr oder weniger) laut vor uns hin geschimpften („Boah ey, was für’n Idiot ….!“). Wir haben uns also kurz selbst erlaubt, wütend zu sein und Feuer zu spucken.
- Das kontrollierte Feuerspeien ist besser, als die eigene Wut zu unterdrücken! Denn wenn nicht hier, dann kommt sie wonanders raus. Immer.
Anschließend – zweiter Schritt auf den äußeren Drachen zu – haben wir innegehalten, langsam durchgeatmet und in den eigenen Körper hineingefühlt: Was macht das mit mir, die Aussage des Drachen zu hören? Wo tut’s weh? Wo ist es eng? Dann haben wir die Trauer, die Angst, die Wut und alles andere, was die Aussage mit uns macht, kurz begrüßt und gewürdigt. Denn diese Gefühle sind okay.
- Gefühle entstehen aus einem wichtigen Bedürfnis! Etwa dem Bedüfnis nach persönlicher Sicherheit oder danach, in einer Gesellschaft leben zu können, in der alle darauf zählen können, mit Respekt behandelt zu werden.
Erst als wir so verbunden waren mit uns selbst, haben wir den dritten Schritt zum/zur Andersdenkenden hin gemacht und uns dem Gegenüber zugewandt. Leicht war das immer noch nicht. Aber es war jetzt nicht mehr ganz so bedrohlich, weil wir selbst stabiler standen – und weil wir uns daran erinnern können, dass auch Drachen nur Menschen sind. Und das ist eine gute Vorbereitung, um schließlich Dinge zu können wie: „Boah ey, du bist ja echt wütend! Geht es dir um deine Sicherheit/Gerechtigkeit/Freiheit …?“
- Hinter jedem dummen Spruch steht ein Mensch! Ein Mensch mit Gefühlen und Bedürfnissen, die oft ganz ähnlich sind wie die eigenen.
Im Idealfall entsteht aus dem Vorschlag dann ein Dialog mit dem Drachen. In der Praxis (in der man das alles natürlich innerhalb weniger Sekunden und nur im eigenen Kopf absolviert) klappte das bisher nie. Allerdings funktioniert der erste Teil der Übung ganz gut und ich habe festgestellt (am Info-Stand im Kommunalwahlkampf z. B.), dass mir das schon hilft, um nicht zu verzweifeln: Einem dicken Mann, der sich als blauer Wähler vorstellt, kann ich dann immerhin meine Angst mitteilen und ihm mein Bedürfnis nach Sicherheit deutlich machen. So gehe ich selbst ruhiger aus dem Gespräch. Und das ist schon sehr, sehr hilfreich.
Darum geht es schließlich auch: Sich Drachen zu stellen, ist anstrengend (wie ich auch aus Begegnungen mit dem pubertierenden Kind weiß). Um nicht daran zu verzweifeln, müssen wir auch auf uns selbst achten. Empathisch zu kommunizieren, ist deshalb auch ein stückweit egoistisch. Auf die Frage, warum wir uns überhaupt die Mühe machen sollten, immer wieder emotional in Vorleistung zu gehen, sagte Sebastian – eine sehr reflektierte Führungskraft – im Seminar treffend: „Ich will nicht den Stress stunden- und tagelang mit mir rumtragen, den konfrontative Auseinandersetzungen bei mir immer auslösen.“
Drachen umstimmen? Das dauert…
Und der Drache, dem ich meine Gefühle und Bedürfnisse so präsentiere? Der denkt höchstwahrscheinlich zwar nicht über seine Verantwortung für meine Angst oder meine Verzweiflung nach nach. Immerhin habe ich aber auch seine Wut nicht verstärkt. Ich habe kein Verständnis signalisiert und bin irgendwie trotzdem mit ihm in Kontakt gekommen. Vielleicht habe ich ihn ein bisschen irritiert und ausgebremst. Das ist nicht wenig.
Bliebe man nach der Irritation im Austausch (etwa bei Menschen, die einem sehr wichtig sind), könnten viele solcher Begegnungen dann vielleicht sogar ein Weltbild zum Wackeln bringen. Rechnen sollte man damit allerdings nicht, und in jedem Fall ist das ein sehr langer Weg, meint Jochen: „Mit einem einzigen Gespräch kann man keinen Drachen umpolen.“ Er selbst hat es mit dem Vater eines guten Freundes während der Corona-Krise ausprobiert und eine gute Beziehung zu dem verbitterten Mann aufgebaut. Dessen Wahlentscheidung hat er allerdings nicht geändert. „Trotzdem ist es wichtig, dass ich nicht sein Feindbild bedient habe“, ist der GfK-Trainer überzeugt.
Hier noch die für mich wichtigsten Tipps von Jochen, der übrigens auch schon Klimaktive und überzeugte Blaue in einem Workshop in Ostdeutschland zusammen begleitet hat:
- Nie einen Perspektivwechsel aufzwingen! „Glauben Sie, die Bürgergeldempfängerin geht gern zum Sozialamt?“, „Wie würden sie sich fühlen, sie immer als erster kontrolliert werden bei einer Polizeikontrolle?“ – Solche Vorschläge kommen meist viel zu früh in einem kontroversen Gespräch. Dann machen sie wütende Menschen noch wütender und erzeugen nur Abwehr („Ist mir doch egal, wie die sich fühlt!“). Wenn überhaupt, kann ein Perspektivwechsel erst dann funktionieren, wenn der Drache tiefenenstpannt ist.
- Es ist nicht nötig, Zustimmung zu äußern! Um in Verbindung zu kommen, signalisieren wir oft unbewusst körpersprachlich Zustimmung – etwa durch Nicken. Das ist erstmal nicht schlimm, man kann sogar sagen, dass das anders gemeint ist: „Nur zur Klarstellung: Ich bin nicht deiner Meinung.“ Trotzdem fühlt es sich für das Gegenüber gut an, weil man so zeigt, dass man zuhört. Das hilft schon, um empathisch eine Verbindung aufbauen.
- Empathie üben: Zum Beispiel in der U-Bahn kann ich mich fragen, was die Menschen mir gegenüber wohl erlebt haben, warum sie so breit ihre Taschen neben sich ausbreiten, so müde im Sitz hängen, so laut krachige Musik hören auf ihren Kopfhörern. Ohne zu urteilen, sondern mit dem Leitsatz von Jochen: „Wenn ich erlebt hätte, was dich geprägt hat, würde ich vielleicht denken, fühlen und handeln wie du.“
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