Lange war ich überzeugt, dass ich introvertiert bin: Als Kind war ich schüchtern und zurückhaltend, die Stille am Rand, die gut mitlief, aber keine Probleme machte. Grundsätzlich hielt ich mich in jeder Klasse (ich wechselte zweimal umzugsbedingt die Schule) an die ein, zwei Bezugspersonen, die ich dort hatte. Im Unterrricht meldete ich mich selten, selbst wenn ich die Antwort wusste, um Referaten habe ich mich jahrelang erfolgreich gedrückt (in den 80er-Jahren ging das noch ganz gut). Meine vielen Gedanken vertraute ich dem Tagebuch an (und niemandem sonst) und Sport machte ich nur, wenn ich keine Mannschaft brauchte (erst Schwimmen, dann Tanzen).
Als Erwachsene habe ich dann mühsam gelernt, auf Business-Veranstaltungen mit fremden Menschen Smalltalk zu machen. Mich mit interessanten oder gleichgesinnten (oder nützlichen) Menschen zu vernetzen, habe ich bewusst (und sehr erfolgreich!) mit dem Peer-Learning-Format Working Out Loud eingeübt. Und zuletzt habe ich mich beim Corporate Learning Camp 2026 sogar ins Podcast-Studio gewagt für ein Interview (das sogar gesendet wurde: hier zu hören ab 30:45 min). Trotzdem dominiert das schüchterne kleine Mädchen weiterhin mein Selbstbild. Zumindest tat es das bis Anfang dieses Jahres 2026.
Dann kam Dr. Rami Kaminski und hat das vertraute Selbstbild verschoben.
Die Gedanken und das Buch (siehe Kasten) des New Yorker Psychiaters haben mir einen neuen Spiegel angeboten, in dem das schüchterne kleine Mädchen zu einer selbstbestimmten Außenseiterin wird: Möglicherweise bin ich gar nicht introvertiert. Möglicherweise bin ich otrovertiert. Und direkt nehme ich die Schultern zurück und stehe gerader. Denn das Spiegelbild gefällt mir.
Was bedeutet otrovertiert?
Vorab: Dieser neue Spiegel ist nicht TÜV-geprüft. Individuelle Verzerrungen sind also möglich – und auch, dass man darin vor allem das sieht, was man sehen will. Das Konzept von Kaminski ist bisher nicht statistisch, also wissenschaftlich solide fundiert. Gleichzeitig ist der Spiegel gut konstruiert und extrem attraktiv. Das Denkmodell dahinter ist schlüssig und resonniert stark in mir. Denn es lässt mich die Welt, meine Welt, neu sehen.
Psychologe Kaminski selbst definiert Otrovertierte:r [Substantiv; Adjektiv: otrovertiert] in seinem Buch so:
„Ein „otrovertierter“ Mensch verkörpert das Persönlichkeitsmerkmal der Nichtzugehörigkeit: In einer auf Gemeinschaftlichkeit beruhenden Welt bleibt er ein ewiger Außenseiter. Im Gegensatz zu Personen mit Beziehungsstörungen sind otrovertierte Menschen einfühlsam und freundlich; doch obwohl sie sich in ihrem Verhalten nicht von gut angepassten Menschen unterscheiden, fällt es ihnen schwer, sich wirklich zu sozialen Gruppen zugehörig zu fühlen.„

Allein – und fein damit?
Der New Yorker Psychiater Dr. Rami Kaminiski beschreibt in seinem Buch „Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen. Weder Intro noch Extro: Von der besonderen Gabe der Otrovertierten“ (Kailash, 2025) einen Persönlichkeitstypus, der die Kategorien „extrovertiert“ und „introvertiert“ als dritte Möglichkeit ergänzt.
„Otrovertierte“ Menschen sind, so seine Definition, freiwillige Außenseiter. Sie sind damit oft zufrieden, manche leiden aber darunter, dass sie die Erwartungen einer gemeinschaftorientierten Gesellschaft nicht erfüllen können. Dann landen sie z. B. in seiner Praxis. Mit seinem Buch will Kaminski ihren Leidensdruck mindern und Otrovertierten helfen, sich mit sich selbst versöhnen.
Otrovertierte fühlen sich inmitten anderer Menschen einsam und fremd, haben aber keine Sehnsucht das zu ändern. Sie können einfach nichts mit Gruppen anfangen – weder mit Sportvereinen noch mit Reisegruppen oder Demonstrationen oder Hypes. Was die Masse mag, macht sie eher skeptisch. Auf der großen Party führen sie in der Ecke intensive Gespräche mit einzelnen Personen, Small Talk ist ihnen zuwider. Einer Reisegruppe würden sie sich niemals anschließen. Sie sind lieber allein unterwegs – ohne Absprachen, ohne Kompromisse, ohne Verpflichtungen.
Gleichzeitig fordern Otrovertierte das Alleinsein nicht forsch ein. Wo es erforderlich ist, passen sie sich höflich an. Sie sind sozial kompetent und oft beliebt. Ihre innere Distanz behalten sie für sich und machen es mit sich selbst aus, wenn sie der Mehrheitsmeinung nicht folgen wollen. Ihre Ideen teilen sie selten – auch weil sie überzeugt sind, dass diese – wären sie mehrheitsfähig – ohnehin schon jemand anders gehabt hätte. Zudem wollen sie, so Kaminski, den sozialen Frieden keinesfalls mit ihren seltsamen Ideen stören1.
Das Gute daran: Otrovertierte brauchen Gruppen offenbar nicht, um sich anerkannt oder beschützt zu fühlen. Sie sind bei sich und stehen damit auf festem Boden, wo andere sich von Gruppendynamiken verunsichern oder gar vereinnahmen lassen. Sie sind Freidenkerinnen. Und zwar freundlich amüsiert, nicht krawallig dagegen oder idealistisch engagiert. Denn eins wollen sie wirklich nicht: sich mit Gruppen anlegen. Sie bleiben lieber still für sich „Nicht-Zugehörige“.
Um in einer gemeinschaftsorientierten Gesellschaft nicht anzuecken, haben otrovertierte Menschen deshalb in der Regel eine solide Deckung entwickelt: Sie sind gute Beobachterinnen, können Erwartungen gut einschätzen und kleinste Dynamiken lesen und entsprechend reagieren. So können sie unauffällig am Rand bleiben, ohne jemanden zu brüskieren, auch wenn ihnen die intuitive Gruppenaffinität fehlt, die intro- und extrovertierte Menschen haben.
Automatisch verbunden?
Diesen „Gruppensinn“ beschreibt Kaminski als „Bluetooth-Phänomen“: Seiner Ansicht nach bauen die meisten Menschen so automatisch soziale Verbindungen zu allen anderen Anwesenden auf, wie sich ein kabelloser Kopfhörer ins heimische Mediensystem einklinkt. In einem Supermarkt gleiten sie wie vorgesehen durch die Gänge und weichen unbewusst anderen Einkaufswägen aus. Nach dem Konzert fädeln sie sich ohne Zögern in die Schlange zum Augang ein. Beim WM-Rudelgucken springen sie zur rechten Zeit zum Torjubel auf – und das alles, ohne die einzelnen Menschen um sie herum überhaupt wahrzunehmen.
Diesen „Gruppensinn“ haben Otrovertierte nicht. Sie kompensieren das mit verschiedenen Strategien. Kaminsiki z. B., der sich selbst als otrovertiert identifiziert, verlässt ein Event entweder vor dem Ende oder sehr viel später, wenn alle anderen schon den Ausgang gefunden haben. Anderenfalls, so erzählt er, würde er leicht stolpern oder mit anderen zusammenstoßen. Will er das vermeiden, muss er sehr bewusst jedes einzelne Individuum in seiner Umgebung wahrnehmen: Wann geht mein Sitznachbar? Erwartet die ältere Dame, dass ich sie vorlasse? Wird das Pärchen ausweichen, wenn ich mich einrehe? Braucht der Mann vor mir vielleicht ein Taschentuch?
Wer ständig so denkt, entwickelt zwangsläufig feine Antennen für alle anderen Menschen. Das kommt in Gruppen meist gut an, weshalb Otrovertierte oft sehr beliebt sind: Sie können schließlich fast jedes Gegenüber mit maßgeschneiderter Empathie versorgen. Das ist allerdings sehr aufwändig – und manche scheitern daran, diese vielen Erwartungen unter einen Hut zu bringen, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Und dann landen sie vielleicht bei einer Psychiaterin.
Psychisch belastet, aber nicht gestört
Leider kann Therapie und Beratung jedoch nicht unbedingt helfen, wie Kaminski erzählt. Er hat in seiner Praxis viele Patientinnen und Patienten behandelt, die anderwo schon aufgegeben worden waren. Weil sie in kein Diagnose-Schema passten, schlug keine der klassischen Behandlungen an, die seine Kolleginnen und Kollegen einsetzten. Ihr Zustand war daher häufig sehr schlecht. Besser wurde er erst, als Kaminski auf die Idee kam, dass bei ihnen gar keine kognitive oder emotionale Störung vorlag, sondern „nur“ atypische Persönlichkeitsmerkmale.
Diese Patienten, so die Erkenntnis des Psychiaters, aus der schließlich sein Denkmodell entstand, litten vor allem darunter, dass sie verzweifelt – und vergeblich – versuchten, familiäre und gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen. Seine Analyse: Die Betroffenen mussten sich für diese Versuche zu sehr verbiegen, weil die Erwartungen von außen auf Dauer nicht mit ihrem eigenen Persönlichkeitsprofil vereinbar waren.
Danach war die Therapie oft einfach: Eine Patientin etwas gab den Karrierejob auf, den sie gemäß der elterlichen Erfolgsdefinitionen angenommen hatten, und wurde eine schlecht verdienende, aber glückliche Modedesignerin. Ein Patient fand endlich den Mut, nicht mehr zu Familienfeiern zu gehen, auf denen er sich mit niemandem versteht (und wo er sich noch nie von jemandem verstanden gefühlt hatte). Eine andere beschloss, Tauchlehrerin auf einer isolierten Karibikinsel zu werden (zum Glück hatte sie genug Geld geerbt).
Also: Bin ich nun „otrovert“?
Wie aber war das nun mit meiner neuen Weltsicht? Naja, das Geld für die Tauchschule habe ich zwar nicht. Aber eine Selbstständigkeit baue ich mir schon auf – und mit dem Blick in den Otro-Spiegel macht das voll Sinn, frei und unabhängig mein eigenes Ding zu machen. Das bestärkt mich und hilft mir, bei meiner Bauchentscheidung zu bleiben, auch wenn’s finanziell (noch) nicht hervorragend läuft. Das ist okay. Ich bin okay.
Und noch so viel anderes in meinem Leben, wird durch Kaminskis Konzept plötzlich schlüssig, zum Beispiel,
- … dass ich Weihnachten noch nie besonders mochte. Ebenso messe ich Geburtstagen (auch meinem eigenen und dem enger Familienmitglieder) keine Bedeutung bei. Ich spiele bei diesen Gruppenritualen v. a. für die anderen mit.
- … dass ich Urlaub mit anderen Familien schnell wieder vermieden habe, obwohl dieses Konstrukt mit kleinen Kindern echt enorm viele (betreuungs- und unterhaltungstechnische) Vorteile hat. Ein paar Tagen zu acht in einem Ferienhaus haben mich eines besseren belehrt: Ich war völlig gerädert, weil ich alle Befindlichkeiten sah und berücksichtigte und meine eigenen nicht mehr unterbrachte. Wir sind dann seit fast zehn Jahren nur noch zu viert alleine losgefahren.
- … dass es mir überhaupt nichts ausmacht, im Spiel zu verlieren – und ich völlig leidenschaftlos bin bei Wettkämpfen oder Spielen, egal ob mit der Familie, mit Freunden oder in der Schule. Ich bin nur die dritte beim Schwimmwettkampf? Egal. Schade fand ich das nur, weil ich die silberne Medaille wirklich schöner gefunden hätte als die bronzene (und auch als die goldene übrigens).
- … dass ich wahnsinnig darauf achte, wie sich Menschen in Gruppen bewegen, und schon vorab darauf reagieren kann (und muss): Ich sehe, wenn gleich jemand stolpert, zwei zusammenstoßen oder jemand orientierungslos ist – oft bevor sie es selbst wahrnehmen. Das ist anstrengend, weil ich ständig überlege, ob ich warnen oder eingreifen soll („Kümmer dich doch nicht um die anderen Leute…“ ist keine Option).
- … dass ich es (auch deshalb) vermeide, samstags abends auszugehen, z. B. ins Kino. Inzwischen ist es eine Gewohnheit geworden, dahin zu gehen, wo’s (und wann’s) wahrscheinlich nicht so voll wird – auch wenn ich dafür dann vielleicht ein anderer Film wählen muss oder an Karneval nicht in meine Lieblingskneipe komme.
- … dass ich mich so oft leer und fremd gefühlt habe und fühle – sowohl in der Klasse, in Gruppen und auch in der eigenen Familie, vor allem als Kind. Heute kann ich die Verpflichtungen bewusster dosieren, und Gruppenanlässe besser vermeiden. Das Gefühl kenne ich aber immer noch, auch in selbst gewählten Gruppen.
- … dass ich aus Gruppen oft (zumindest mental) aussteige, wenn es mit einer Person dort eine Missharmonie gibt. Mehrfach schmerzvoll erlebt…
- … dass ich wichtige Dinge so gut intuitiv entscheiden kann. Irgendwann weiß ich meist, was richtig ist für mich, und wenn es soweit ist, weiß ich auch genau, was zu tun ist. Und davon bringt mich dann niemand mehr ab. Wenn doch, fühle ich mich völlig aus der Bahn geworfen.
- … dass ich den Tod nicht beängstigend finde. Im Gegenteil: Schon als Jugendliche (und als Kind?) fand ich den Gedanken an ihn oft beruhigend, fast tröstlich: Einfach raus sein, weg von allen Erwartungen und Anstrengungen, ist bisweilen ein durchaus attraktiver Ausweg. Laut Kaminsiki ist das typisch für Otrovertierte – einfach deshalb, weil es ihnen keine Angst macht, alleine zu sein (Gemeinschaftsorientierte Menschen haben diese Angst ganz ausgeprägt und vermindern sie durch die Verbindung, die sie in der Gruppe erleben).
Was nicht passt:
- Ich bin Mitglied einer politischen Partei. Allerdings habe ich mir da sofort eine klar abgegrenzte Aufgabe gesucht – als Schriftführerin. Das ist offenbar typisch: Otrovertierte suchen in Gruppensettings, die sie nicht vermeiden können, klar definierte Rollen, die sie alleine ausfüllen können. Das gibt ihnen Rückzugsmöglichkeiten und einen gewissen Schutz vor allgemeinen Dynamiken.
- Ich gehe gerne in die Kirche. Beim Thema Spiritualität suche ich durchaus nach Gemeinschaftserlebnissen.
- Ich bin immer noch schüchtern. Anders als Kaminski sagt, genieße ich es nicht, alleine im Fokus, etwa auf einer Bühne (Gott bewahre!), zu stehen. Ich habe sogar wahnsinnige Angst davor, von einer Gruppe verlacht zu werden – oder überhaupt von jemandem. Aber stimmt das überhaupt? Oder ist das noch das kleine schüchterne Mädchen, dass mir den Blick in den Spiegel verstellt? Denn als es in meiner Volkshochschul-Tanzgruppe darum ging, wer beim Sommerfest mit vortanzen würde, habe ich kein bisschen gezögert. Klar – wir werden schließlich keinen großen Erwartungen begegnen, die wir enttäuschen könnten. Aber gut. Ganz alleine ohne die drei anderen, die sich gemeldet haben, würde ich es auch nicht machen….
Okay. Und was sagt der Test?

Der Test zumindest ist eindeutig. Das Ergebnis: 216 von 280 Punkten. Das heißt, ich bin klar otrovertiert, wenn auch nicht extrem ausgeprägt. Der Wert ist jedenfalls hoch genug, damit ich mich auf einer tieferen Ebene verstanden fühle: Ich finde mich plötzlich okay, wo ich früher mit mir haderte.
Mehr Infos und den Selbsttest gibt’s hier: https://www.othernessinstitute.com/the-otherness-scale/
- Übrigens auch nicht durch schräge Geschichten oder seltsame Theorie, wie Kaminski schreibt: Offenbar war z. B. Frank Kafka gar nicht scharf darauf, die eigenen Werke zu veröffentlichen, sondern hat verlangt, dass sie nach seinem Tod verbrannt werden. Und Galileo Galilei hat seine Thesen dazu, dass die Erde um die Sonne kreist, zwar veröffentlicht, die bahnbrechenden Erkenntnisse aber gegen den starken gesellschaftlichen (katholischen) Gegenwind nicht überzeugend verteidigt, sondern lieber Kollegen zugeschreiben und sich mit anderen astronomischen Fragen beschäftigt. ↩︎