Von der Zukunft lernen

Ende Januar 2026 ist das neue Buch von Otto Scharmer und Katrin Käufer auf Deutsch erschienen: Presencing – 7 Praktiken für die Transformation des Selbst, von Unternehmen und Gesellschaft (Carl Auer-Verlag, 2026; 34,95 Euro). Ein guter Anlass, mich noch einmal in den Ansatz zu vertiefen, der mich schon beschäftigt, seit ich Otto Scharmer 2016 in Bonn für managerSeminare interviewt habe. Ein guter Anlass auch, um zu versuchen, besser zu verstehen, was bei mir seit damals eine ungebrochen starke Resonanz auslöst. Das zu erklären, ist nämlich gar nicht so einfach.

Gibt es keine Worte dafür – oder finde ich sie nur nicht?

Immerhin bin ich nicht die einzige, die mit dem Erklären so ihre Schwierigkeiten hat. „Dieses Buch ist eigentlich unlesbar, meinte mein amerikanischer Verleger einmal“, erklärt der Autor selbst über sein Grundlagenwerk „Theorie U“ von 2009. Trotzdem verkauft sich das 600-Seiten-Buch mit unzähligen Fußnoten seit Jahren (auch in zahlreichen Übersetzungen weltweit) ausgesprochen gut – was nicht nur derselbe Verleger völlig erstaunlich findet. Es hat anfangs auch den Autor selbst überrascht, wie Scharmer im Podcast des Carl-Auer-Verlags erzählt.

Offenbar dringt eine Botschaft also durch zu vielen Menschen. Nur welche Botschaft ist das genau?

Es hilft hier, sich zu erinnern, dass die Theorie U aus einem Forschungsprojekt des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlers am Learning Center des MIT entstanden ist. Dafür hat Scharmer 150 Menschen interviewt, die in Wirtschaft und Gesellschaft neue Dinge in die Welt gebracht haben (er nennt sie „innovators“). Er fragte sie, welcher inneren Prozess sie zu diesen Entscheidungen, Erfindungen oder anderen Errungenschaften geführt hat und stellte fest, dass das, was sie beschrieben, nicht einem traditionellen Lernprozess entsprach: Das Neue entstand nicht (allein) aus ihrem Wissen und ihren Erfahrungen (also aus der Vergangenheit), sondern wurde ihnen sozusagen aus der Zukunft zugerufen. Anders – umgangssprachlich – formuliert: Sie hatten eine gute Nase für Märkte, ein feines Gespür für Chancen, eine verlässliche Intuition, der sie vertrauten, um zukünftige Möglichkeiten zu realisieren.

„Zukunft bedeutet für viele: nicht jetzt, sondern später, oft auch: nicht hier, sondern woanders, nicht ich, sondern andere. Was ich gelernt habe von den Innovatoren, ist, dass alle drei Annahmen falsch sind. Denn sie machen genau das Gegenteil. Für sie gilt: Future happens right here, right now.“

C. Otto Scharmer

Das heißt: Diese Menschen spüren oder ahnen, was möglich ist, was gut ankommen könnte, was die Welt braucht oder wie auch immer man es formulieren möchte – und setzen dies Ahnung dann einfach um. Diesen Prozess, der z. B. auch bei jeder kreativen Tätigkeit zentral ist, wollte Scharmer sichtbar machen und beschreiben. Das Problem: Außer umgangssprachlichen Annäherungen haben wir dafür keine Begriffe.

Also hat sich Scharmer welche gesucht. Er beschreibt den Prozess z. B. als „Lernen von der Zukunft“, als „Gegenwärtigung der Zukunft“ und als „Fähigkeit, die höchsten Zukunftsmöglichkeiten zu erspüren und zu verwirklichen“. Oder an anderer Stelle: „Die Zukunft ist eine Möglichkeit, die mich anschaut, weil sie ohne mich nicht in die Welt kommt.“ Das klingt oft seltsam, bisweilen gar spirituell, weshalb ihm viele so gar nicht zuhören mögen.

Gleichzeitig findet Scharmer bei vielen, auch bei mir, Resonanz auf einer Ebene, die jenseits des rationalen Denkens liegt und sich absolut richtig und wahr „anfühlt“. Und ja, das ist kognitiv kaum zu erklären und wissenschaftlich nicht zu messen oder zu überprüfen. Es ist eher ein Wiedererkennen: Ganz offensichtlich haben viele Menschen einfach schon selbst erlebt, was er meint (ohne eine Wort dafür zu haben):

  • Etwa, wenn sie z. B. einfach wissen, was in einem bestimmten Moment zu tun ist, und es dann erfolgreich tun, weil es sich genau richtig anfühlt.
  • Oder, wenn sie das Gefühle haben, etwas einfach nicht nicht tun zu können, weil irgendetwas – ein Pflichtgefühl? Ein moralischer Anspruch? Eigene Wertevorstellungen? – sie antreibt (und sie deshalb z. B. eine soziale Bewegung gründen).
  • Und auch, wenn sie vor allem dann kreativ total produktiv sind, wenn sie nicht nachdenken, sondern sich auf einen inneren Flow einlassen, den sie weder selbst steuern noch verstehen.

Scharmer wollte beschreiben, was in diesen Momenten passiert – und was unsichtbar bleibt, weil uns dafür die Worte fehlen.

Und was genau ist „Presencing“?

Diesen Begriff hat Scharmer bei einem französischen Heidegger-Übersetzer gefunden. Dieser hat damit das ins Englische übertragen, was der deutsche Philosoph – auch er auf der Suche nach passenden Begriffen für bisher unbeschriebene Dinge – als „Anwesen“ bezeichnet hat („Sein ist Anwesen.“), um es von Anwesenheit und Anwesenden (und vielen anderen Dingen) zu unterscheiden.

Für Scharmer steht der Begriff v. a. für die Gleichzeitigkeit von einer Zukunftsahnung (dem „sensing“, dem Hineinspüren in die nahe Zukunft) und einer starken Gegenwärtigkeit (der „presence“, also den Bezug zum Hier und Jetzt).

Presencing beschreibt den Moment, in dem wir sozusagen Kontakt aufnehmen zur Zukunft: den Moment, indem wir ein größeres Potenzial – also etwas, „das auf uns angewiesen ist, um in die Welt zu kommen“ – erspüren, uns damit verbinden und entsprechend aktiv werden. Dabei stehen nicht wir als Individuum im Fokus, sondern das größere Ganze, zu dem wir auf einer – bisher unbeschriebenen – tieferen Ebene einen intuitiven Zugang haben.

Gemeint ist also nicht, dass wir unsere eigenen Wünsche realisieren (z. B. Karriere machen, ein Auto kaufen, ein Haus bauen) oder eigene Bedürfnisse befriedigen (Annerkennung, Sicherheit, Erfolg). Auch nicht, dass wir eine bewusst gestaltete eigene Vision verfolgen. Wir agieren also nicht von Ego her und für das, was wir nach außen projizieren. Es geht um „eine Vertiefung des Wahrnehmungszugangs“, so Scharmer, der uns neue Wege erschließt, die wir in Einklang mit anderen, mit der Natur und uns selbst gehen können.

Und warum brauchen wir das?

Die praktischen Erfahrung mit der Theorie U zeigen, so Scharmer, dass diese tiefere Ebene für alle erreichbar ist, wenn man entsprechende tiefe Reflexionen und Dialoge anstößt und einen Raum hält, in dem sie wirken können. Werden komplexe Herausforderungen – wie z. B. die Transformation der Landwirtschaft – mit den Tools und Techniken aus dem U-Prozess bearbeitet, werden bewusste Vorbehalte, aber auch persönliche Profite, bequeme Routinen oder individuelle Ängste schnell irrelevant. „Dann ist die Antwort, mit denen die Menschen kommen, praktisch immer eine ethische“, erklärt der Wissenschaftler. Das hat er sogar in der Sloan School of Management am MIT erlebt, wo er lehrt – und die er als „Hochburg des Kapitalismus“ bezeichnet.

Wir sind also, glaubt man Scharmer, im tiefsten Herzen nicht einfach nur Egoist*innen, die nur ihren eigenen Vorteil sehen – und mehr als der vom Eigennutz getriebene homo oeconomicus. Ich folge ihm da gerne – ohne wissenschaftliche Belege, aber mit einem ganz tiefen Seufzer der Zustimmung. Denn diese Haltung macht Hoffnung. Wir müssen nur lernen, selbst daran zu glauben. Und wir sollten lernen, diese tieferen Ebenen unseres Selbst zugänglich und damit praxisrelevant zu machen, erklärt Scharmer: „Das ist das, was Presencing probiert.“

Im neuen Buch erklären Scharmer und Karin Käufer wie das aussehen kann. Sie beschreiben z. B. wie wichtig es ist, die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu lenken – weg von sinnlosen Algorithmen etwa -, und sich mit Kopf und Herz auf andere Perspektiven einzulassen, z.B. durch empathisches Zuhören und generative Dialoge. Gelingt uns das, können wir nach und nach lernen, so glaubt der Theorie-U-Begründer, unser Herz und unsere Emotionen nicht einfach nur als Ausdruck von Gefühlen zu verstehen, sondern als Sinnessorgane, die helfen bewusst wahrzunehmen, was ethisch sinnvoll ist. Was für ein schöner Gedanke.