Schuld mal ganz anders

Es war der Titel, der mich angelockt hatte: „Schuld – ein Ruf aus der Zukunft“. So hatte die Kölner GfK-Koryphäe Anja Ufermann ihren Workshop in der zweiten Runde des GfK-Tags Köln angekündigt. Sie hat mich damit doppelt gepackt: bei dem unangenehmen Gefühl, dass ich seit Kindheitstagen immer wieder mit mir rumtrage, und bei der neu entdeckten Gestaltungsmacht, die ich im Kontext Zukunft spüre. Wie das zusammengehen soll? Ich hatte keine Vorstellung.

Schicksalsgöttin Schuld

Und dann habe ich erst einmal die Wurzel des deutschen Begriffs „Schuld“ kennengelernt und war überrascht: Sie ist eine germanische Göttin und zuständig für die Zukunft – bzw. für das, „was werden will oder soll“. Dabei hatten die Germanen keinen Begriff von Zukunft wie wir ihn haben. Das, was noch nicht ist, hatte eine viel stärkere Anbindung, an das, was war und was ist. Es ergab sich logisch aus den Taten und Entscheidungen der Vergangenheit (so habe ich es zumindest im Workshop und in der Nachrecherche dazu verstanden). Jedenfalls gab es im Germanischen kein eigenes Wort und keine grammatische Form für die Zukunft.

Gleichzeitig gab es aber eine Göttin, die sich um das, was werden will/soll, kümmert. Und auch darum, was nicht mehr werden soll: Sie ist diejenige der Schicksalsgöttinnen, die den Lebensfaden der Menschen abschneidet, wenn es soweit ist. Ihr Name: Skuld.

Kachelwand in der Bahnhofspassage, auf der ganz oft das Wort "Schuld" gesprayt wurde.
Die Göttin Skuld

In der germanischen Mythologie ist Skuld eine der drei Schicksalsgöttinnen („Nornen“), die den Lebensfaden der Menschen verwalten. Während Urd für die Vergangenheit und Verdandi für die Gegenwart steht, verkörpert Skuld die Zukunft. Ihr Name bedeutet wörtlich „das Werden wollende/sollende“ oder „das, was sein muss“.

Der Schritt vom altnordischen Wort „Skuld“ zum deutschen Wort „Schuld“ wirkte mit diesem Wissen dann auch gar nicht mehr so gigantisch, wie er sich anfangs angefühlt hatte: Skuld wie Schuld steht für etwas, dem wir mit Blick nach vorne verpflichtet sind. Das kann eine moralische Regel, eine (soziale) Erwartung, eine Konsequenz oder eine offene Rechnung sein, aber auch – positiver – ein Potenzial. Letzteres erschloss sich, als wir uns dem Thema Schuld mit GfK-Begriffen näherten.

Ein Gefühl in der Gegenwart

Wir begannen im Hier und Jetzt – der Domäne von Göttin Verdandi. Da fühlt sich Schuld gar nicht gut an, darin waren sich alle im Workshop einig. Wer bedauert, wie etwas gelaufen ist, leidet (mehr oder weniger) – ist traurig, unsicher, ängstlich oder verzweifelt. Und das weist darauf hin, dass ein wichtiges Bedürfnis nicht erfüllt ist.

Daher haben wir uns gefragt, was uns eigentlich in der Gegenwart fehlt, wenn wir uns schuldig fühlen. Und die Antworten, die wir in den Zweier-Übungen fanden, gingen mal wieder viel tiefer als zunächst erwartet. Leicht zugänglich waren z. B. bei mir die folgenden nicht-erfüllten Bedürfnisse:

  • Effizienz (ich hätte es so viel besser machen können!)
  • Entspannung & Leichtigkeit (ich bin so doof, dass ich das (nicht) gemacht habe!)
  • Anerkennung (ich werde bestimmt bedauert/verachtet/gering geschätzt wegen meiner Entscheidung).

Schließlich habe ich, wenn ich mich schuldig fühle, etwas nicht so gemacht, wie ich es eigentlich hätte machen sollen/wollen.

Beim genaueren Hinsehen aber entdeckten wir noch mehr Bedürfnisse. So verband ich mich im Austausch mit meiner Partnerin mit meinem Bedürfnis nach Autonomie. Auch das ist nicht erfüllt, weil ich mich (eigenen und fremden) Erwartungen unterworfen habe, mit denen ich offenbar nicht ganz einverstanden bin. Und weil ich meine Entscheidung nach diesen Erwartungen beurteilte, schränke ich mich selbst ein. Und auch mein Bedürfnis nach Geborgenheit und Sicherheit sah ich plötzlich bedroht: Wenn ich den Erwartungen oder Standards nicht entsprach, konnte ich ja vielleicht nicht mehr auf den Schutz der Gemeinschaft oder einer bestimmten sozialen Beziehung zählen. Ich habe – die irrationale – Angst, aus dem Job, der Familie, dem Verein verstoßen zu werden.

Eine Entscheidung in der Vergangenheit

Dann der Blick zurück, zu Urd – auf das „Gewordene“, also das, was jetzt nicht mehr veränderbar ist. Welches Bedürfnis habe ich mir erfüllt – oder versucht zu erfüllen -, als ich mich für das Verhalten entschieden habe, das ich nun bedauere? Anders formuliert: Was war der „gute Grund“ für meine Entscheidung oder mein Verhalten in der Vergangenheit?

Wenn ich diesen guten Grund erkenne, dann kann ich mich mit meiner Entscheidung versöhnen, so die Idee. Wenn ich also z. B. erkenne, dass mich Angst um meine Sicherheit davon abgehalten hat, den rassistischen Parolen neulich zu widersprechen, dann kann ich mir leichter verzeihen. Oder auch, wenn ich die Küche schon wieder nicht rechtzeitig aufgeräumt habe, weil ich am Schreibtisch saß und meine Autonomie mir wichtiger war, als die Erwartungen der Familie. Dann kann ich mich eigentlich sogar loben dafür, dass ich so gut für mich sorge. In jedem Fall hilft es, ausreichend Frieden zu finden, mit dem was war, um weiterzudenken.

Ein Ruf aus der Zukunft

Bleibt noch der Blick nach vorn, in die Zukunft, zu Skuld. Ein Blick auf das „Werden-sollende“ oder Werden-wollende. Ich kennen nun die Bedürfnisse, die ich mir damals erfüllt habe, und die Bedürfnisse, die ich heute nicht erfüllt sehe. Nun kann ich sie einander gegenüber stellen und erforschen, wie (oder ob) sie sich vereinbaren lassen. Daraus kann ich Klarheit gewinnen darüber, was mir wirklich am Herzen liegt.

Das funktioniert interessanterweise egal, ob es sich um unterschiedliche oder um die gleichen Bedürfnisse handelt:

  • Habe ich etwas versäumt, weil mir in dem Moment die Entspannung und Freiheit wichtig war, dann bereue ich es jetzt vielleicht, weil ich mich sorge, die Anerkennung bestimmter Personen verloren zu haben – oder meine eigene, weil es mir wichtig ist, kongruent zu handeln und meine Werte nicht „zu verraten“.
  • Habe ich damals aus Angst um meine Sicherheit entschieden und fürchte ich heute (aufgrund meiner Entscheidung) um den Schutz der Solidarität meiner kleinen Gemeinschaft, dann denke ich das Bedürfnis Sicherheit und Schutz nächstes Mal vielleicht weiter – und entscheide anders.
  • Und wenn ich etwas getan habe, um mich abzugrenzen oder meine Autonomie zu wahren, dann bereue ich es heute vielleicht, weil ich die Chance verpasst habe, eine wichtige Beziehung zu verbessern – und entscheide mich nächstes Mal genauso, aber bewusster.

„Schuldgefühle sind immer ein Hinweis darauf, dass ich etwas verändern will/kann/soll“, erklärt Trainerin Anja. Sie zeigen mir, was ich sein kann und will. Damit sind sie sozusagen Wegweiser für die eigene Entwicklung – und „ein Ruf aus der Zukunft“. Und damit ergibt sich ein ganz neuer Zugang zu Schuldgefühlen: Ich kann sie feiern als Boten meines Potenzials!

Denn Schuldgefühle zeigen mir auch, wo ich hier und jetzt aktiv werden kann, um die zu werden, die ich sein möchte. Wenn mir Autonomie etwa so wichtig ist – vielleicht kann ich mich dann bitten, die eigene Entscheidungsfreiheit im Alltag im Kleinen öfter zu schützen, um sie dann, falls nötig, im Großen auch mal zurückstellen zu können.

Und wenn mir Schutz und Sicherheit so wichtig sind – vielleicht ist es dann ja noch viel sinnvoller als ich bisher dachte, dass ich anfange, Krav Maga zu trainieren! Denn wenn ich stark bin, kann ich mit weniger Angst widersprechen, wenn jemand meine Werte verletzt. Und damit würde ich definitiv zu einer besseren Version meiner selbst!