„Mediation“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Verhandlung oder Vermittlung. Heute steht der Begriff für einen strukturiertes Verfahren, in dem zwei oder mehr Personen versuchen, einen Konflikt beizulegen, ohne dass sie vor Gericht gehen.
Gründe dafür gibt es viele: So ist eine solche Klärung persönlicher, flexibler, individueller und v.a. in der Regel kürzer und günstiger als ein juristisches Verfahren.
So geht Mediation
Mediation beginnt meist am Telefon (oder mit einer Nachricht, auf die ein Telefonat folgt). Im persönlichen Gespräch erklärt dann die Person, die die Initiative ergreift und Kontakt aufnimmt, kurz, warum sie das getan hat. Etwa:
- „Meine Mutter muss gepflegt werden und ich bin mir mit meinem Bruder nicht einig, wie das gehen soll.“
- „Ich und mein Partner sind dabei, eine Eigentumswohnung zu kaufen, aber er ist plötzlich ganz komisch geworden.“
- „In unserer Bürogemeinschaft ist jetzt eine Person mehr und plötzlich sind zwei von uns nicht mehr zufrieden mit der Aufteilung der Kosten und stänkern rum.“
- „Wir haben uns getrennt und jetzt wollen wir die Betreuung der Kinder fair organisieren.“
- „In unserer Hausgemeinschaft kommt es ständig zum Streit darüber, wann die Haustür abgeschlossen wird.“
- „Meine Tochter will nicht studieren, obwohl sie ein gutes Abi hat, und ich will wirklich, dass sie einsieht, wie falsch das ist.“
Vertieft wird das Thema hier nicht. Die Mediatorin wird im Zweifelsfall bremsen, wenn schon zu viele Details oder persönliche Ansichten erzählt werden – denn das soll erst passieren, wenn beide Parteien anwesend sind und alle Versionen gleichberechtigt vorgetragen werden können. Was sie wissen will ist: Wer ist beteiligt? Sind die Beteiligten bereit, mitzumachen? Wann finden wir einen Termin? Und vor allem: Ist das Thema geeignet für eine Mediation?
Geeignet wären hier alle obigen Anliegen – außer dem letzten Beispiel: Hier sucht jemand eine Verbündete, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen. Das aber widerspricht der grundlegenden Idee von Mediation als einer Verhandlung auf Augenhöhe. Und wahrscheinlich würde sich die Tochter auch gar nicht freiwillig auf ein solches Gespräch einlassen. Mediation geht aber nur, wenn alle freiwillig mitmachen.
1. Einleitung: Was kommt?
Zum ersten vereinbarten Termin kommen alle Beteiligten zusammen: Die Konfliktparteien – also die Eltern, Kinder, Nachbarinnen, Partner, Kolleg*innen, die Differenzen haben, – und ein bis zwei Mediatorinnen oder Mediatoren. Gerade bei klassischen Paarkonflikten kann es von Vorteil sein, wenn ein Mann und eine Frau gemeinsam durch den Prozess führen, damit sich alle gut repräsentiert fühlen. Zudem sind zwei Perspektiven immer bereichernd. Nur ist es dann natürlich auch teuerer.
Nun wird geklärt, was auf die Anwesenden zukommt und unter welchen Bedingungen die Mediation stattfindet. Das sind insbesondere:
- Was hier passiert ist vertraulich: Nichts von dem, was besprochen wird, dringt nach außen. Dazu wird vereinbart, ob und mit wem sich die Konfliktparteien über die Mediation austauschen dürfen. Damit müssen beide einverstanden sein.
- Diejenigen, die mediieren, sind allparteilich und neutral: Sie schlagen sich auf keine Seite, bewerten keine Aussage und sorgen dafür, dass alle respektvoll miteinander umgehen.
- Dazu gibt es Gesprächsregeln: Alle lassen einander ausreden, hören einander zu und kommen gleichberechtigt zu Wort. Die Mediatorinnen können unterbrechen, um diese Regeln durchzusetzen.
- Sie unterstützen die Beteiligten dabei, Gründe für und Auswege aus dem Konflikt zu finden. Sie sind jedoch nicht verantwortlich für den Inhalt, nur für den Ablauf der Mediation.
- Es gibt keine Schuldigen: Es wird gemeinsam nach Verständnis gesucht und nach Lösungen, die am Ende schriflich festgehalten werden.
2. Themensammlung: Worum geht’s?
Anschließend wird der Konflikt geschildert – und zwar von allen Beteiligten nacheinander. Was ist passiert? Wie habe ich es erlebt? Warum hat uns das in Konflikt gebracht? Hier erzählt jede(r) von der eigenen Warte aus und teilt, was ihm oder ihr besonders wichtig ist. Vielleicht …
- … hat der Bruder, das Gefühl, unverhältnismäßig viel mehr für die Mutter zu sorgen als seine Schwester.
- … ist der Ehemann plötzlich nicht mehr sicher, ob die Investition in dem Wohnprojekt wirklich wohlüberlegt ist.
- … fühlt sich die Büro-Kollegin benachteiligt, weil sie nur drei Tage die Woche vor Ort sein kann, aber den vollen Anteil bezahlt.
- … findet die Mutter, dass der Vater die Kinder immer zu spät zur vereinbarten Übergabe bringt.
- … hat der Nachbar von oben keine Lust, abends mit dem Schlüssel nach unten zu laufen, wenn es klinget.
Die Mediatorinnen hören zu, geben wider, was sie verstanden haben, fragen nach, wenn ihnen etwas nicht klar ist. Und immer wieder holen sie auch die andere Partei ins Boot („Wie sehen Sie das?“, „Hören Sie das zum ersten Mal?“, „Was macht das mit Ihnen, wenn sie das hören?“) oder bremsen im Gegenteil ihre Einwürfe („Ich sehe, Sie sind irritiert, und Sie bekommen auch gleich Gelegenheit, zu reagieren. Jetzt bleiben wir bitte zunächst bei der Perspektive Ihres Bruders.“).
Nach und nach wird so deutlich, wo die Differenzen besonders groß sind (und auch, wo es schon Übereinstimmungen gibt). Dabei arbeitet der Mediator die Themen heraus, die vertieft werden könnten und schreibt sie an die Flipchart. Das könnten im Fall der pflegenden Geschwister z. B. sein: „Wie können wir die pflegerischen Aufgaben fair verteilen?“ oder auch: „Wie können wir es schaffen, sachlicher miteinander zu reden?“, oder sogar: „Wie können wir wieder besser in Beziehung kommen?“
Dann wird gewählt, welches Thema vertieft werden soll. Oft ist sinnvoll, das Beziehungsthema zu klären, bevor konkrete Lösungen wie eine Aufgabenverteilung ausgearbeitet werden. Oft geht beides auch Hand in Hand.
3. Konflikterhellung: Worum geht’s wirklich?
In dieser dritten Phase geht es darum, die persönlichen und emotionalen Hintergründe zu verstehen. Denn oft verschärfen alte Enttäuschungen, verletzte Gefühle, falsche Erwartungen oder auch unglückliche Kommunikationsmuster oder Handlungsreflexe den Konflikt.
„Warum gehst du auch nie ans Telefon, wenn ich anrufe?“, „Wie soll ich denn mit dir reden, wenn du dich immer sofort rechtfertigen musst?“, „Wie soll ich das den machen mit Vollzeitjob und zwei pubertierenden Kindern?“: Solche Dinge kommen vielleicht zur Sprache. Sie werden sortiert und und in der Mediation vertieft und so bearbeitet, dass das Gegenüber sie tatsächlich hören kann (wobei viel GfK zum Einsatz kommt: Mehr dazu hier). Dazu wird geklärt,
- … welche Gefühle gewürdigt werden wollen: Ist der Bruder erschöpft, frustriert, traurig? Ist die Schwester vielleicht unsicher, einsam oder ängstlich? Ist jemand richtig verzweifelt, weil „ihr noch nie zugehört wurde“? Hat jemand „echt keine Lust mehr, die immer gleichen Ausflüchte zu hören“?
- … welche Bedürfnisse dahinter stecken: Geht es um Unterstützung („ich schaff das nicht alleine!“)? Will jemand Bestärkung für das, was er tut („Du siehst gar nicht, wie anstrengend das ist!“)? Oder Verständnis dafür, dass gerade nicht mehr möglich ist („Ich habe doch erst den neuen Job angefangen!“)? Gibt es eine Sehnsucht nach Verbindung („Wir haben uns früher so gut verstanden!“)?
- … und wo man zusammen kommt in einem gemeinsamen Ziel: „Sie wollen beide sicher sein, dass es ihrer Mutter gut geht.“ Und vielleicht auch: „Sie wollen beide wieder eine besseren Kontakt miteinander.“
4. Konfliktlösung: Wie kommen wir (wieder) zusammen?
Damit ist im Idealfall eine gute Basis für einen verständnisvolleren Austausch geschaffen worden. Es fällt den Beteiligten leichter, der anderen Seite zuzuhören und ihr vielleicht ein bisschen entgegenzukommen – zumindest soweit, dass man sich irgendwo findet.
Dann werden Ideen gesammelt, um die Konfliktthemen zu lösen. Das geht zunächst vielleicht wild kreativ („Wir könnten einfach beide wieder in unsere Kinderzimmer bei Mama einziehen – wie früher!“). Daraus ergeben sich oft entspannende Ansichten und manchmal sogar unerwartete Optionen. Dann wird durchgespielt, was realistisch ist. Alternativen werden bewertet, Vor- und Nachteile abgewogen, Kriterien für eine gute Lösung entwickelt. Und das – normalerweise – in einer sachlichen, vielleicht sogar wohlwollenden Atmosphäre.
5. Der Abschluss: Wie machen wir das genau?
So endet eine Mediation im Idealfall mit einer tragfähigen Vereinbarung, die für beide okay ist. Sie ist möglichst klar formuliert und enthält überprüfbare Kriterien, z. B.:
- Der Bruder geht weiterhin zweimal die Woche zur Mutter, die Schwester kümmert sich gleichzeitig aus der Ferne um Administratives und prüft, ob sich eine Pflegeperson organisieren lässt auf Dauer.
- Die Geschwister vereinbaren wöchentlich am frühen Freitag Nachmittag einen festen Telefontermin für den organisatorischen Austausch, auf den sich beide einstellen können.
- Zusätzlich planen sie ein lockeres, gemeinsames Abendessen zu zweit, wenn die Schwester im kommenden Monat wieder vor Ort ist.
Ergänzt werden die Vereinbarungen evt. durch „Notfall-Klauseln“. Sie regeln, was passiert, wenn eine(r) sich nicht an die Vereinbarung hält oder etwas dazwischenkommt, das nicht eingeplant war (z. B. wenn freitags ein familiärer oder beruflicher Termin dazwischen kommt). Hier kann auch ein Nachgespräch mit der Mediatorin angedacht werden.
Und dann wird noch der Abschluss gefeiert. Denn die Würdigung der Entwicklung (und des Beitrags, den jede(r) zur Klärung geleistet hat), fühlt sich gut an und macht Mut für die nächsten Schritte. „Es war so gut, dass ich es endlich geschafft habe, zu sagen, wie sehr ich mich danach sehne, dass mein Bruder meine Entscheidung, nach Frankreich zu ziehen, nachvollziehen kann“: Wer das sagen kann, spürt, wieviel geschafft worden ist – und das hilft aufrechter und zuversichtlicher nach Hause zu gehen und weiterzumachen – hoffentlich mit mehr Klarheit und Leichtigkeit als vorher.