Mittlerweile ist es fast ein halbes Jahr her, dass ich mit meiner Mediationsausbildung begonnen habe – also mit einem sehr großen Lernprojekt. Trotzdem habe ich noch nicht darüber geschrieben. Denn jedes der fünf Module seit September 2025 war intensiv und toll und wahnsinnig lehrreich. Und so inspirierend, dass ich bisher einfach nicht wusste, wo ich anfangen sollte mit dem Aufschreiben.
Und heute morgen beim Aufwachen wusste ich es plötzlich: Am vergangenen Wochenende nämlich habe ich im Rollenspiel ganz kurz gespürt, wie es ist, eine Mediatorin zu sein – und ich habe dabei eine Ahnung davon bekommen, welche enorme Kraft eine gute Mediation entfalten kann, um Verständnis zu ermöglichen!
Für andere Gefühle aussprechen
Konkret haben wir die Technik des Doppelns gelernt und geübt. Über diese Methode hatte ich schon staunend in dem Mediationsklassiker „Klärungshilfe 3. Das Praxisbuch“ von Christoph Thomann und Christian Prior gelesen. Darin beschreibt v. a. der letztere eine Klärung zwischen drei Leitern einer Klinik und es ist so spannend wie einen Krimi. Ich zumindest verfolgte gebannt, wie Prior die Gefühle, Sehnsüchte und Verhaltensmuster der Chefärzte mit ihnen Schicht für Schicht aufdeckt, erklärt und würdigt.
Dabei setzt er sich oft neben die gestandenen Medizinier und spricht für sie aus, was sie fühlen. Vorher fragt er:
„Kann ich mal neben Sie kommen und etwas für Sie sagen und Sie sagen mir, ob es stimmt?“
Und alle sind dankbar, dass er kommt und ihnen hilft, das zu formulieren, was in ihnen vorgeht und für das sie selbst keine Worte finden (oder keinen Mut sie selbst zu äußern). Die anderen Konfliktparteien sind ebenfalls dankbar, Dinge endlich klar zu hören, die sie schon geahnt oder diffus gespürt haben. Denn auch wenn es schmerzt, spüren sie: Diese Klarheit eröffnet einen Weg aus dem Konflikt.
Und genau das habe ich auch gespürt, als ich im Rollenspiel die Ehefrau gedoppelt habe, die Angst hatte, verlassen zu werden von dem Vater ihrer Kinder. Zwar hat mein Gegenüber diese Rolle nur gespielt. Doch als ich ihr anbot: „Robert, ich bin total traurig. Stimmt das?“ stimmte sie sofort zu und ihr Blick wurde ganz weich. Also fragte ich weiter: „Und ich bin ganz verzweifelt, denn ich habe schon so lange totale Angst, dass du dich in eine andere verliebst. Stimmt das?“. Und da kam ihr Ja! so dankbar tief aus dem Herzen, dass ich ganz baff war. Unsere Zeit war da schon fast zu Ende und der Rest des Rollenspiels wurde wieder konfuser und weniger intensiv und einen vernünftigen Ausstieg fanden wir auch nicht. Aber irgendwas blieb.
Klärungshilfe: Mut zur Wahrheit
Zum nachhaltigen Lernerlebnis trug auch die Einordnung der Gast-Trainerin Lisa bei, die selbst bei Prior und Thomann ausgebildet wurde. Sie erklärte im Plenum die Besonderheiten der Klärungshilfe, die in den 1980er Jahren von dem Schweizer Psychologen Thomann entwickelt und von ihm zusammen mit dem Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun systematisiert wurde. Vor allem erzählte sie von dem zentralen Leitsatz der Klärungshilfe: „Wahrheit heilt“.
Diese Grundüberzeugung bedeutet, dass Klarheit unverzichtbar ist, um Konflikte zu lösen. Und diese Klarheit umfasst vor allem die Aussprache der gezügelten, verdrängten oder auch verleugneten Emotionen, die hinter unseren (konfliktschürenden) Handlungen und Entscheidungen liegen.
„Wahrheit“ meint also nicht eine objektive Faktenlage, sondern die subjektiv erlebte, gefühlte Wahrheit der Konfliktparteien. Denn hinter jeder Aggression steht ein erlebter Schmerz, eine Verletzung oder Enttäuschung. Und wenn dieser Schmerz entdeckt, ausgesprochen, gehört und gewürdigt wird, kann er auch heilen, so die Idee. Dann entsteht echte Versöhnung statt oberflächlicher Harmonie. Und ja, das glaube ich sofort nachdem ich die dankbare Resonanz im Rollenspiel gefühlt habe.
Diese radikale Ehrlichkeit wird übrigens wohl auch in der Ausbildung von Klärungshelfer*innen praktiziert: Die dauert üblicherweise deutlich länger als eine Mediationsausbildung und umfasst – zumindest in der urprünglichen Form – eine intensive Phase der Selbsterfahrung: Dazu gehört, dass alle Auszubildenden gegenseitig ihre eigenen Konflikte in der Gruppe mediieren. Auf den Tisch kommt dann z. B.:
- Wenn jemand über ein Verhalten geärgert hat.
- Wenn eine genervt ist, weil der andere immer so viel Fragen stellt.
- Wenn einer das Gefühl hat, in der Übung zu kurz gekommen zu sein.
- Wenn sich jemand zu unrecht kritisiert fühlt.
All diese Irritationen werden nicht höflicherweise unter den Teppich gekehrt, sondern offen ausgesprochen und intensiv verhandelt. Der Mut zur Wahrheit will schließlich gelernt werden. Und offenbar funktioniert es auch, wenn man Lisa glaubt. Sie erzählte jedenfalls, dass ihr im Verband der Klärungshelfer*innen weniger Intrigen und Eitelkeiten begegnet sind als in andere (Mediations-)Verbände.