Wandel(n) lernen

„Wir sind nicht hilflos!“, betont am 24. April 2026 die Stimme aus der HR, die fast schon traditionell den Einstieg in die Petersberger Trainertage (PTT) übernimmt. Diesmal gehört sie Inga Dransfeld-Haase, CHRO der Prüforganistion TÜV Nord mit ihren über 15.000 Mitarbeitenden – und sie gibt sich entschlossen angesichts schwindender Budgets und wachsender Ängste: HR und L&D, so ihre Forderung, sollten jetzt erst recht dafür kämpfen, dass Unternehmen in die Köpfe und Herzen ihrer Leute investieren: „Denn Wissen gibt Sicherheit.“ Und mit der Sicherheit wächst auch der Mut und die Lust, sich auf Veränderungen einzulassen – eine Haltung, die wir dringend brauchen. Und damit spricht sie mir natürlich aus dem Herzen!

Yes, we can.

Mut zur Zukunftsgestaltung ist eine Herzensthema von mir, spätestens seit ich das Buch von Florence Gaub („Anleitung für die Zukunft“) gelesen habe und darüber in die Zukünftebildung eingestiegen bin. Seitdem habe ich viel darüber gelesen und geschrieben (z. B. hier im Blog oder hier bei tw-media und hier bei mS). Und seitdem sehe ich auch überall Ermutigung dazu, auch auf den Petersberger Trainertagen (PTT). Besonders auffälig im getapete Mural von Facilitape, das zu Selfies einlud! Alle Infos zur Veranstaltung gibt’s hier.

Die Zuversicht, die die HR-Chefin beschwört, ließ sich schon im Vorfeld auch im Motto der Veranstaltung finden: „Stark im Wandel(n)“. Wie so oft ist es doppeltdeutig: Es meint nicht nur, dass wir – gefestigt und widerstandsfähig – Veränderung überstehen können, sondern auch, dass wir selbst es sind, die den Wandel forcieren, lenken und gestalten. Zumindest dann, wenn wir uns nicht nur auf Veränderungen einlassen, sondern uns selbst immer wieder vergegenwärtigen, dass wir mehr können als mitschwimmen.

Zum Beispiel KI. Klar habe ich keine Lust darauf, mich mit meinen Kernkompetenzen ersetzen zu lassen. Und natürlich haben das auch die Trainerinnen, Berater und Coachs nicht, die ich auf dem Petersberg treffe. Gleichzeitig ist den meisten klar, dass sie heute entscheiden können und sollten, wie sie die neuen Tools nutzen. Denn natürlich bieten die Bots und Agents beim Texten wie beim Trainieren viele Chancen – etwa als Transfer-Assistenten. Ein einfacher Bot kann etwa für die Teilnehmenden nach einem Kommunikationsseminar passgenaue Situationen kreieren, in denen sie die frisch erlernten Feedback-Tipps anwenden – und Feedback zu ihren Lösungen geben, was auf der PTT-Bühne von Axel mit ein paar schnellen Prompts eindrucksvoll demonstriert wird.

Menschliche Intelligenz und mehr

Bestärkender finde ich allerdings andere Lernerlebnisse. Solche nämlich, die auf das setzen, was die KI nicht kann, und die genuin menschlichen Kompetenzen in den Fokus rücken. Und davon gab es einige, z. B.:

  • … die Einführung in Art of Hosting von Ursula: Die Juristin, die als Führungskräfteentwicklerin lange bei der EU-Kommission arbeitete, kommt ohne jede Technik nur mit großformatigen Postern, die sie auf dem Boden legt, während sie spricht. Schon dabei wird atmosphärisch greifbar, wie intensiv sie so die Teilnehmenden berührt. Und spätestens bei der Auswertung im Flur danach ist klar, dass die Trainerin so ganz im Sinne des Titels ihrer Session („Führen in Bewegung – Resonanz als Schlüssel zu Wandel und Wirksamkeit“) demonstriert hat, wie Resonanz entsteht und wirkt: nämlich durch Präsenz und echtes Interesse am Gegenüber. Dabei erinnert sie auch an Otto Scharmers vier Ebenen des Zuhörens – und daran, was schöpferisches Hören wahrnimmt: „Was will aus der Zukunft kommen?“ Und da ist er wieder, der Zugang zur eigenen Gestaltungsmacht!
  • … die Keynote von Vera Starker vom Think Tank „Next Work Innovation“: Die Forscherin erklärt zwar zunächst, warum unser Gehirn Neues erst einmal nicht mag. Es ist nämlich auf Überleben und Komplexitätsreduktion programmiert – und damit oft auf Stabilität aus. Dann aber erinnert sie daran, dass Veränderung oft genug dann doch so leicht fällt (Die eigene Hochzeit! Die erste eigene Wohnung!). Es braucht also nur Lust und Zuversicht, dann verändern wir uns mit Freude. Ihr Appell deshalb: neue Narrative über Wandel und ein schönes, starkes Bild von der Zukunft!
  • … die kreativen Workshops von Vaya und Johanna: Hier hole ich mir neben schöpferischer Selbstbestärkung auch mögliche konkrete Interventionen ab, um andere mitzunehmen in meine Zuversicht. Zum einen gibt es sehr lustige, aktivierende Übungen aus dem Impro-Theater. Beispielsweise stellen wir Tansformationsbäume dar und dann – frei assoziiert – faule Äpfel, Würmer und Winds of Change, bis wir wirklich hocherfreut und laut kichernd in die Zukunft blicken. Mit Facilitape lerne ich dann, fade Seminarräume mit buntem Tape aufzupeppen: Wir schaffen damit z. B. Sprechblasen, die man sich hineinstellen kann, wenn man etwas sagen möchte, Dialogräume (zwei ineinander verschränkte Blasen!) und Wertequadrate auf dem Boden.
  • Bei Franz hole ich mir dann wieder Tipps zur KI ab – zusammen mit menschlicher Selbstvergewisserung: Die Higher Order Thinking Skills (HOTS), die er vorstellt, stehen nämlich für genau das, was wir der KI voraus haben (sollten) – viel Erfahrung, Intuition, eine kritische Haltung und einen wachen Geist, der die eigenen Denkverzerrungen (er)kennt. Letzteres lässt sich z. B. wunderbar testen und üben, indem man die KI mti dem richtigen Prompt als kritische Gesprächspartnerin nutzt (z. B. als Advocatus diavoli, als Bias-Spiegel oder für eine sokratischen Dialog). Denn wenn die KU uns immer mehr komplizierte Aufgaben abnimmt, bleibt für uns v. a. alles, wo man um die Ecke denken muss, also das Komplexe. Große Aufgaben also.

Mein absolutes persönliches Highlight war übrigens Noni Höfner, die am ersten Abend den Life Achievement Award der Weiterbildungsbranche entgegen nahm. Die Psychotherapeutin und Beraterin erklärte und demonstrierte ihren provokativen Beratungsansatz mit einer heiteren Souveränität, die mich so glücklich gemacht hat, dass ich mich nun tiefer mit dem Werk von ihr und Frank Farrely (dessen Gedanken sie in den deutschsprachigen Raum gebracht hat) beschäftigen werde. Eine ihrer Kernaussagen: Echte Veränderung geht nur mit Emotionen – und am besten mit solchen, die uns zum Lachen bringen!

„Einsicht, die nur kognitiv ankommt, kann man in der Pfeife rauchen.“
Noni E. Höfner