Zukünftebildung

Im Frühling habe ich mein erstes Zukünfte-Labor („Futures Literacy Lab“) mitgemacht: Mit sieben Menschen, die zwischen Kanada und Karlsruhe auf der ganzen Welt verteilt waren, habe ich mich Ende April 2025 mit Futures of Cities beschäftigt.

Und es war so spannend, dass ich sofort bei dem inspirierenden Anleiter und Zukunkünfteforscher Stefan Bergheim die zweitägige Ausbildung machen wollte, um selbst das Format für andere anleiten zu können. Leider passt jetzt der Septembertermin doch nicht bei mir – aber ich bleibe dran am Thema. Denn Zukünftebildung – oder Futures Literacy (siehe Kasten) – ist meiner Ansicht nach das, was wir heute sehr dringend brauchen.

Futures Literacy

Der Begriff – der auch mit „Zukünftebildung“ übersetzt wird – wurde 2012 bei der UNESCO vom kanadisch-französischen Wirtschaftswissenschaftler Riel Miller eingeführt, der bis 2022 die Abteilung für Foresight & Futures Literacy dort leitete. Für ihn ist Futures Literacy eine Schlüsselkompetenz für das 21. Jahrhundert. Sie steht für die Fähigkeit, verschiedene mögliche Zukünfte zu imaginieren und zu nutzen, um davon ausgehend die Gegenwart besser verstehen und gestalten zu können. Seit 2012 hat die UNESCO weltweit über 100 Futures Literacy Labs durchgeführt, um diese Kompetenz als Kulturtechnik zu fördern. Mehr Infos: hier

Was mich bei dem Konzept so sehr anspricht: Es bietet einen Ausweg aus dem Zustand der Resignation und der Ohnmacht. Wer future literate ist, sieht Möglichkeiten, wo vorher nur Bedrohung war. Sie (oder er) erkennt, dass es nicht die eine Zukunft gibt, der wir ausgeliefert sind. Sondern dass Zukunft erst durch das entsteht, was wir tun (oder nicht tun). Dass es folglich also viele verschiedene mögliche Zukünft („Futures“ eben) gibt. Und dann kann sie entscheiden, welche der so vielen möglichen Zukünfte sie in den Fokus nimmt und was sie tun will als Beitrag dazu, dass sie realer wird. Sie wird handlungsfähig!

Zukunftsmut in vier Schritten

Der Weg von der Ohnmacht zur Selbstwirksamkeit ist in einem Futures Literacy Lab klar vorgezeichnet. Er umfasst vier Etappen:

  • Im ersten Schritt werden die existierenden Grundannahmen offengelegt. Dazu wird erarbeitet, was für die Teilnehmenden wahrscheinliche und was wünschenswerte Zukünfte sind (REVEAL).

Im Labor mit Stefan steigen wir dafür mit Kindheitserinnerungen ein: Alle erzählen eine Geschichte davon, wie sie als Kind eine Stadt erlebt haben. Es geht um das Gefühl der Selbstständigkeit des Achtjährigen, der lernt, allein mit dem Buch zur Schule zu fahren, um das großartige Schwimmbad in Zürich oder um Überwältigung beim Besuch von Athen, das so groß und gegensätzlich war.

Erst dann geht der Blick nach vorn: Wir überlegen erst allein, dann in der Gruppe, wo Menschen 2040 wohl leben und sich in der Stadt bewegen. In manchen Bildern gibt es weniger Autos, dezentrale Parkhäuser, mehr Bäume, weniger Asphalt, kleinere Wohnungen und vielleicht eine zentral gesteuerte Verteilung des Wohnraums. Es gibt aber auch die Vorstellung von mehr Ungleichheit, Verteilungskonflikten und polarisierten Gesellschaften.

Klar, hier werden entlang der aktuellen Trends und Prognosen gedacht. Und aus ihnen werden erwünschte (desirable) und wahrscheinliche (probable futures) abgeleitet. Das geht ganz automatisch. Deshalb wird nun bewusst hinterfragt, was hinter den Bildern steckt: Wünsche ich mir das? Wie viel Politik stekt darin? Wie viel wirtschaftliche und soziale Prägung? Welche mentalen Modelle und Vorannahmen (assumptions) haben wir? Diese Annahmen formulieren wir nun – jede für sich – aus, immer als ganzen Satz mit einem Verb. Meine sind beispielsweise diese: „Mehr Bäume in Städten sind gut“, „Enge macht aggressiv“, „Menschen sehnen sich nach Verbindung“, „Ungleichheit führt zu Konflikten„. Hier kann man immer tiefer gehen und mehr entdecken. Mit dem, was wir haben, gehen wir in den Austausch und dann in die nächste Phase.

Die erste Erkenntnis hier: Die Annahmen unterscheiden sich kulturell stark! In Kanada z. B. wecken Bäume in Städten überhaupt keine guten Assoziationen: Dort gibt es so viele Stürme und Waldbrände, dass die Nähe von Bäumen eher eine Bedrohung ist.

  • Im zweiten Schritt eines Future Literacy Labs werden alternative Zukunftsvorstellungen erkundet. Dazu werden alternative Annahmen gebildet (oder vorgegeben). Das können einfach die alten Annahmen umdreht sein oder bewusst „abgedrehte“ Ideen. Leitfrage ist hier: Was wäre, wenn ….? (REFRAME).

Nun wir neu über Städte im Jahr 2040 nachgedacht. Dazu regt Stefan neue Annahmen an, in dem er uns ermuntert, die gesammelten umzuformulieren. Dann wir aus meinen z. B. „Bäume gehören nicht in Städte“ und: „Enge sorgt für Frieden“, „Menschen sind schon in Verbindung“ und „Gleichheit sorgt für Konflikte“. Es könnten auch sein: „Enge ist egal“ oder „Menschen wollen Isolation“. Bei anderen wird aus „Städte bedeuten Kommerz“ etwa „Städte brauchen keinen Kommerz“. Was immer uns anspricht, wird nun weitergedacht.

Hier arbeiten wir in internationalen Dreier-Gruppen und schnell sind wir bei neuen Fragen: Welche Chance birgt ein Zusammenleben auf weniger Raum? Braucht es Überwachung in den Städten der Zukunft? Was wird aus den ganzen Läden und Einkaufszentren ohne Kommerz? Wie wichtig sind Bäume, wenn die Städte eh saubere Luft haben? Und geht es bei der Sehnsucht nach Grün nicht sogar um etwas Spirituelles?

Wir verlassen definitiv unsere bewährte Box. Dabei profitieren wir von den alternativen Annahmen ebenso wie von den verschiedenen Perspektiven in der Gruppe. Zur Spiritualität führte der Einwurf eines skeptischen Kollegen, der – zynisch, wie ich fand – fragte, wie die Verklärung der Natur mit der verbreiteten Angst vor Spinnen und ähnlichem zusammenpasst. Am Ende der Phase haben wir definitiv einen neuen, sehr viel offeneren Blick auf zukünftige Städte.

  • Im dritten Schritt leitet man aus den entdeckten Einschränkungen und den neuen Möglichkeiten Fragen ab, die man sich vorher nicht gestellt hätte. Hier werden die neuen Perspektiven eingenommen, um zu entdecken, was vorher unsichtbar war (das muss nicht unbedingt gut sein – aber auf jeden Fall neu – Rethink).

Jede und jeder in der Gruppe sucht sich nun aus, was am meisten resoniert. Bei mir ist es – zu meiner eigenen Überraschung – nicht das Bäume-Thema. Sondern ich wähle die Frage, wie Städte ohne Kommerz aussehen. Mit zwei anderen frage ich mich: Was kommt nach dem Kommerz? Und woher kommt das Geld eigentlich? Bzw. wer profitiert vom Kommerz? Braucht es so viel Handel, um ein gutes Leben zu sichern? Und was lässt sich aus den vielen Räumen machen, die frei werden? Ist Kommerz nicht verschwendeter Platz, der besser für Kultur und Kreativität und Gemeinschaft genutzt wird? Und welche Werte stecken hinter dieser Sehnsucht? Teilen wir diese Werte mit anderen Menschen? Und wäre das gut? Würde es eine Stadt sicherer machen? Oder langweilig?

  • Zuletzt werden im vierten Schritt dann aus dem Erlebten konkrete Aktionen abgeleitet. Leitfrage: Welche kleinen Dinge kann ich mit dem Wissen, das ich jetzt habe, angehen, um einer möglichen Zukunft näher zu kommen? (ACT)

Für die letzte Phase bleibt nicht mehr viel Zeit, wie so oft in inspirierenden Lernformaten. Vor allem, weil wir noch begeistert darüber sprechen, wie wir diesen halben Tag erlebt haben. Und auch, wie das Fomat eingesetzt werden kann und was dafür nötig ist. Denn alle interessieren sich dafür, wie sie das Format selbst weitertragen können.

Trotzdem suchen wir uns alle noch eine kleine Herausforderung für die folgenden Wochen und teilen diese mit den anderen. Die Mitstreiterin aus Spanien will sich in ein neues Thema einlesen. Der Zyniker noch ein weiteres Lab machen. Und ich nehme mir vor, durch die Kölner Schildergasse zu gehen und mir zu überlegen, was aus all den seltsamen und oft schon leerstehenden oder nur zwischengenutzten Läden werden könnte. Und zwar mit ganz kreativem Blick. Und auch das steht immer noch auf meiner To-Do-Liste. Aber ich bleibe dran!

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