Zukünfte gestalten

So viel ist in den vergangenen Wochen in meinem Leben los gewesen – so viel, dass ich gar nicht mehr hinterherkomme, hier über meine wichtigsten Learnings zu schreiben…

Gelernt habe ich etwa auf den Petersberger Trainertagen 2025, in meinem ersten virtuellen Zukünfte-Labor, beim Online-Auftakt der neuen Presencing-Serie von Otto Scharmers U-Lab im April, dann auf der analogen Agile HR Conference in Köln, der Schulung zum Kommunalwahlkampf und auf dem unglaublich quirligen Turnfest in Leipzig im Mai. Und jetzt ist schon Juni.

Das Schöne daran: Durch all diese Inputs zieht sich für mich ein Thema, das mich sehr bewegt seit ein paar Wochen. Nämlich das Gefühl, dass wir die Zukunft gestalten können – oder besser gesagt: Dass wir jetzt, hier und heute mitentscheiden, welche von vielen möglichen Zukünften ein bisschen eher eintritt. Denn Zukunft gibt es nur im Plural. Deshalb kann sie auch niemand vorhersagen und vor allem: Deshalb sind wir ihr nicht ausgeliefert! Egal, ob wir Neues lernen, Netzwerken, Straßen-Wahlkampf machen oder auch nur in der U-Bahn lächeln und im Turnverein helfen – mit unseren Handlungen und Entscheidungen gestalten wir das, was kommt.

Mehr über diese empowernde Erkenntnis habe ich übrigens hier für managerSeminare recherchiert und geschrieben und hier für tw media mit Blick auf die Veranstaltungsplanung. Daher ist es vielleicht auch kein Wunder, dass ich derzeit überall die Vielfalt zukünftiger Möglichkeiten entdecke, seit ich den Begriff „Zukünfte“ entdeckt habe. Und wahrscheinlich werde ich diese Brille auch nie wieder ablegen.

Die PTT

Die Petersberger Trainertage werden seit 2005 vom Bonner Weiterbildungsverlag managerSeminare – meinem langjährigen Arbeitgeber – veranstaltet als Branchenkongress für HR-Professionals und Weiterbildungsprofis aus Personalentwicklung, Training Beratung und Coaching. Tagungsort ist das schöne Steigenberger Hotel auf dem namensgebenden Petersberg in Königswinter. Und diesmal ging es dort um Zukunft! Alle Infos zur Veranstaltung gibt’s hier.

Natürlich habe ich damit auch im diesjährigen PTT-Motto „Zukunft vertrauen“ den Plural entdeckt. Denn, so habe ich von Florence Gaub und ihrer großartigen Bedienungsanleitung für die Zukunft gelernt: „Die Zukunft ist alles, was wir uns heute über sie vorstellen können.“ Und das ist viel. Letzlich bedeutet es, dass alles – das Mögliche, das Wahrscheinliche, das Plausible und auch das Unmögliche – Versionen der Zukunft sind. Also Zukünfte.

Wir müssen also nur noch lernen, mit dieser Fülle konstruktiver umzugehen, und dazu gab es auf dem Hausberg von Bonn viele Anregungen. Am meisten beeindruckt hat mich dabei die Keynote von Silja Graupe. Sie ist Wirtschaftswissenschaftlerin, Philosophin und Mitgründerin der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung (HfGG) in Koblenz, mit der sie selbst Zukünfte fördern will, in denen nachhaltiger und größer gedacht und gewirtschaftet wird.

Silja Graupe glaubt unerschütterlich daran, dass alle Menschen ein Weltgestaltungsgen haben. Es wird ihnen nur abtrainiert in einem einseitig auf Leistung getrimmten Bildungssystem, in dem idealistische Träume und große Visionen belächelt werden. In ihrer Hochschule sollen die Studierenden es wieder zum Leben erwecken – z. B. in dem sie in mehrtägigen Workshops („4FuturesLabs“) erleben, was in diesem Freiraum entstehen kann. Dort erleben sie dann auch, dass es okay ist, zuzugeben, dass man davon träumt als Oberbürgermeisterin durch die schattigen Parks und Alleen von Köln zu spazieren, die man selbst politisch ermöglicht hat.

Größer denken: Ja, du darfst!

Denn nein, es ist nicht peinlich und auch nicht naiv, sich vorzustellen, dass man aus Köln eine Schwammstadt macht. Das ist stark. Nur passt es vielleicht nicht ins aktuelle Denken, das solche Utopien direkt in die Logik des Wirtschaftswachstums presst und damit verniedlicht und letztlich vernichtet. Graupe aber ist überzeugt, dass das nicht auf Dauer so bleiben wird. Denn dank unserer genetischen Veranlagung zur Weltgestaltung brodeln unzählige Ideen und Imaginationen im Untergrund. „Wir sind alle riesige kreative Magma-Kammern: voller Kraft, die irgendwann aufbricht!“, so formuliert es die Philosphin auf dem Petersberg. Was für ein ermutigender Gedanke!

Für Graupe heißt das: Weil es so viele gibt, die die Zukunft gestalten wollen, und die es nur deshalb nicht tun, weil sie sich gehemmt fühlen – dann sollten wir uns vor allem um diese Hemmungen kümmern. Sprich: Wir sollten all diesen Menschen Gelegenheiten bieten, in denen sie diese Selbstbeschränkungen loswerden können – mit Workshops wie den 4FutureLabs, bei Projektwochen in Schulen oder auch bei Zukunftstagen in Unternehmen oder Behörden. Und dann, meint sie, bräuchten wir uns auch keine Gedanken mehr machen über die Ewiggestrigen, die wollen, dass alles bleibt wie es ist (und so tun, als wäre das möglich).

„Zukunft ist immer zukünftig – also offen und frei!
Sonst wäre sie ja Gegenwart.“
Silja Graupe