Crashkurs mit Glasl

Warum ist ein gemeinsamer Alltag oft so schwer? Ich beobachte eine lehrbuchhafte Konflikteskalation aus der Nähe - und leide, als wäre ich Zeugin eines Verkehrsunfalls. Und habe Ideen wie's besser geht.

In den vergangenen Wochen ist in meinem persönlichen Umfeld ein Konflikt eskaliert. Und ich konnte nichts dagegen tun. Da ich eine Partei gut kenne, konnte ich nicht hilfreich vermitteln. Ich war dadurch selbst emotional involviert, konnte also nicht allparteilich und neutral sein. Was ich konnte: Als ausgebildete Mediatorin verfolge, wie sich der Streit lehrbuchmäßig Schritt für Schritt verschärft.

Das fühlte und fühlt sich an, als würde ich hilflos beobachten müssen, wie zwei Fahrzeuge in Zeitlupe aufeinander zurasen: Der Zusammenstoß ist unausweichlich und schon die Ahnung davon schmerzt.

Zwar möchte ich meinen spezifischen Konfliktfall hier nicht teilen. Doch die Überlegungen, die er bei mir angestoßen hat, gehen ohnehin darüberhinaus. Mein Fokus liegt nämlich gerade auf der Frage, wie Menschen harmonisch zusammenleben und gemeinschaftliche Flächen gut nutzen können, da ich mit großem Interesse das WIRProjekt in Köln verfolge: Es bietet Unterstützung für Gruppen jeglicher Art, die zusammen nicht nur ein Gebäude, sondern auch eine geteilte Infrastruktur und eine resiliente Nachbarschaft schaffen wollen. Und ich habe zugesagt, es mit meiner Mediationskompetenz zu begleiten.

Verausschauendes Fahren hilft

Diese Begleitung ist absolut sinnvoll. Denn Konflikte lassen sich durch gute Kommunikation immer entschärfen. Und je früher diese Kommunikation stattfindet, desto schneller und nachhaltiger wirkt die Klärung. Eine Voraussetzung dafür ist, dass Konflikte frühzeitig erkannt werden – bevor sie hoch eskalieren wie in meinem privaten Beispiel.

Deshalb hat mich die Crash-Beobachtung auch daran erinnert, wie hilfreich es ist, die Theorien zu kennen, die beschreiben, wie Konflikte entstehen. Das Wissen, was als nächstes passieren wird, verschärft zwar meine Phantomschmerzen („Oh nein, du musst jetzt bremsen! Bremsen!!!“). Es zeigt mir aber auch, welche Pedale besser nicht gedrückt werden, wann Vermittlung gebraucht wird und wo ich als Halb-Beteiligte besser aussteige und eine externe Mediation empfehle.

Vom Knirschen zur Kollision

Das Modell, das für mich bei der Unfallbeobachtung ständig mitlief, ist das von Sozialwissenschaftler Friedrich Glasl. Sein Stufen-Modell der Konflikteskalation bietet seit über dreißig Jahren Orientierung in der Friedens- und Konfliktforschung. Es greift verlässlich – egal ob der Konflikt in der Kaffeeküche im Büro, im Mietshaus oder einer Region voller politischer Spannungen eskaliert. Das Muster ist immer das gleiche.

Konfliktforscher Glasl unterscheidet neun Stufen, die er auf drei Ebenen verteilt (siehe Bild unten). Auf der ersten Ebene lässt sich ein Konflikt noch einvernehmlich lösen, auf der zweiten gewinnt nur noch eine Seite, auf der dritten niemand mehr.

I. Ebene: Eine Win-Win-Lösung ist möglich:

Auf den ersten beiden Stufen prallen laut Glasl gelegentlich Meinungen aufeinander (Stufe 1: Spannung / Verhärtung). Hier geht es zum Beispiel konkret um das Pro und Contra im Umgang mit der Geschirrspülmaschine im Büro oder von Abstellplätzen im Hinterhof eines Wohnhauses oder auch um die Frage, zu welchem Land eine Grenzregion gehört. Man setzt sich noch zusammen und streitet mit Argumenten, aber es wird schon deutlich, dass das Vertrauen klein und die Entschlossenheit, eigene Positionen durchzusetzen, groß ist (Stufe 2: Polarisierung & Debatte).

Auf der dritten Stufe (Stufe 3: Taten statt Worte) wird, so Glasl, der Druck auf beiden Seiten erhöht und die Kommunikation schließlich abgebrochen: In der Kaffeeküche wird angesichts ungespülter Tassen von den einen ein Hygienerisiko erkannt und von den anderen Hysterie gewittert, vielleicht verschwindt schon persönliches Geschirr. Im Hof werden Parkplätze blockiert und in der Grenzregion werden Truppen stationiert.

II. Ebene: Nur noch eine Seite kann gewinnen (Win-Lose):

Ab der nächsten Stufe zieht der Konflikt weitere Kreise. Beide Seiten werben extern um Sympathien und suchen Unterstützung (Stufe 4: Koalitionen). Jetzt werden Kolleginnen, Geschäftspartner oder die Hausverwaltung eingeschaltet. Die bedrohte Region wirbt um internationale Solidarität, der Aggressor verbündet sich mit dem Nachbarland auf der anderen Seite. Die Empörung wird auf allen Seiten fleißig genährt.

Ab jetzt ist keine „Win-Win“-Lösung mehr möglich. Es geht nicht mehr um die Sache, sondern nur noch darum, das eigene Gesicht zu wahren und den anderen nicht gewinnen zu lassen. Der Vertrauensverlust ist vollständig, der „Gegner“ soll „vernichtet“ werden (Stufe 5: Gesichtsverlust). Zugeständnisse sind nicht mehr erreichbar.

Dafür wird zunehmend gedroht (Stufe 6: Drohungen): In der Kaffeeküche ist plötzlich von Kündigungen die Rede, im Hof wird ein juristisches Vorgehen gefordert, in der Grenzregion rollen die Panzer. Inzwischen stehen alle, die nicht in ein Lager gezogen wurden, nur noch kopfschüttelnd daneben.

Grafik der 9 Eskalationsstufen nach Friedrich Glasl.
Konflikteskalation nach Friedrich Glasl – Quelle: Glasl, 1994, S. 216, 218-219

Ab Stufe 7 gibt es nur noch Verletzte

In meinem akuten Beispiel ist hier zum Glück erst einmal Schluss. Noch ist Mediation oder eine andere externe Vermittlung sinnvoll und möglich und ich bin noch guter Hoffnung, dass die Beteiligten sich auf eine solche Intervention einlassen. Denn die Alternativen sind gruselig – und sie lassen sich für alle Kontexte konkret ausmalen.

IIi. Ebene: Alle verlieren (Lose-Lose):

Auf den letzten drei der neun Stufen von Glasls Modell der Konflikteskalation kommt es zunächst zur begrenzten Vernichtung (Stufe 5), wo alle verfügbaren Tricks angewendet werden, um dem Gegenüber zu schaden. Denkbar ist z. B. dass Kollegen angeschwärzt oder bei Geschäftskontakten schlecht gemacht werden, dass Fahrzeuge beschädigt oder das schon erste Dörfer beschossen werden. Diese Vernichtungsaktionen steigern sich zur Zersplitterung (VIII) und schließlich folgt der gemeinsame Untergang (IX), wo auch die eigene Vernichtung mit einkalkuliert wird: Hauptsache, der oder die andere geht unter – zur Not eben mit mir zusammen.

Klären lässst sich auf dieser dritten Ebene kaum noch etwas. Der Konflikt lässt sich nur noch durch ein Machtwort von außen (durch ein Gerichtsurteil z. B. oder einen UN-Beschluss) auflösen. Echte Harmonie und Frieden bringt diese Art der Lösung allerdings weder in eine Bürogemeinschaft oder Nachbarschaft noch in einen territorialen Konflikt. Das Ergebnis ist meist nur höfliches Stillhalten bis zur nächsten Eskalation – und vielleicht dem nächsten Kriegsausbruch.

Tür an Tür ohne Crash?

Das klingt furchbar – ist aber ein Klassiker: Überall, wo Menschen zusammenleben, wird gestritten. Und wo gestritten wird, ist die nächste Eskalation nicht weit. Das liegt auch daran, dass viele Menschen Konflikten lieber aus dem Weg gehen und es zu lange vermeiden, sie anzusprechen. Wenn sie dann zu groß sind, wird aus einer Sachfrage schnell – siehe Glasl – eine Frage von Gesichtswahrung und unbedingtem Gewinnenwollen. Eine friedliche Lösung wird dadurch immer schwieriger.

Gleichzeitig leiden am Konflikt letztlich alle: Beteiligte, Betroffene und auch zufällige By-Stander wie ich. Vielleicht haben nicht alle so viele Phantomschmerzen wie ich. Sie ärgern sich aber über Entscheidungen, die nicht getroffen werden, sind erschöpft von ergebnislosen Mail-Kaskaden und frustriert, weil Planungen nicht weiterlaufen können, oder weil täglich Tassen hin- und hergeschoben werden und niemand mehr spült.

Ungeklärte Konflikte sorgen für eine Verschwendung von Energie und Zeit und nicht selten auch Geld. Streit im Büro etwa kann dazu führen, dass es mehr (stressbedingte) Krankmeldungen gibt. Im Mehrfamilienhaus werden vielleicht sinnvolle Sanierungen blockiert. In einem bedrohten Land wird in die Verteidigung investiert statt in die Bildung. Und so weiter.

Was könnte also helfen?

Eine frühe Klärung oder Ansprache natürlich. Auf den ersten Stufen des Glasl-Modells ist noch fast alles klärbar. Oft reicht schon ein strukturiertes Gespräch im Team, ein ehrliches Austausch mit allen, die im Haus wohnen, oder eine ausführliches Treffen der Verantwortlichen und Betroffenen der benachbarter Länder. Hilfreich ist es immer, wenn diese Meetings moderiert werden. Das muss aber nicht unbedingt eine Außenstehende sein.

Wenn klar ist, das strittige Punkte anstehen oder Parteien sehr unterschiedliche Vorstellungen haben, macht externe Unterstützung von Anfang an Sinn. Denn eine frühe Begleitung kann dafür sorgen, dass Erwartungen früh geklärt werden, um Entttäuschungen zu minimieren und Eskalation zu verhindern. Kommt diese Hilfe zu spät, scheitert sie oft daran, dass keine Seite Hilfe annehmen will – weil jede Seite die Verantwortung bei der anderen sieht.

Was ein bisschen hilft

Gibt es für gemeinschaftlich genutzte Räume wie eine Kaffeeküche oder einen Abstellplatz klare Regeln, lässt sich viel Streit im Vorfeld vermeiden. Bei der Klärung von umstrittenen Grenzziehungen kann das internationale Recht viel entschärfen. Das funktioniert aber nur, solange sich alle daran halten – also nur bist der Frust so groß ist, dass es attraktiver wird, die Regel zu brechen, als im Status Quo zu verharren. Oder wenn der Regelbruch strategisch sinnvoll scheint (weil er z. B. von anderen Problemen ablenkt). Konfliktschutz bieten Hausordnungen und Paragraphen deshalb nur begrenzt.

Was definitiv nicht hilft

Eine schnelle Lösung und einfache Antwort wäre, auf Gemeinschaftsflächen zu verzichten. Keine Kaffeeküche, kein Hof, kein Streit. Easy.

Aber nicht realistisch.

Wenn Flächen knapp und Infrastruktur dünn ist, wird niemand nur für sich bleiben können. Und für territoriale Konflikte ist dieser Ansatz ohnehin nicht praktikabel. Gestritten wird dann eben um die Grenzziehung oder um die Verteilung der privaten Flächen und die Frage, wer den Zuschlag wofür bekommt.

Ohnehin kann das nicht meine Lösung sein. Denn wer auf gemeinschaftliche Flächen verzichtet, verzichtet meiner Überzeugung nach auch auf Begegnung und Austausch im Alltag und darauf, dass dadurch persönliche Beziehungen und vielleicht sogar fröhliche Gemeinschaftsprojekte entstehen – eine Mitarbeiterinitiative oder eine Veedels-Bewegung für ein autofreies Quartier. Wer weiß? Auf jeden Fall aber entstehen daruch Übungsfelder für Kommunikation – in denen im Idealfall sogar alle lernen können, dass sich Differenzen ansprechen und Konflikte klären lassen.

WIRProjekt: Auf gute Nachbarschaft!

Gut genutzt haben Gemeinschaftsflächen das Potenzial, Menschen zwanglos zusammenzubringen mit positiven Folgen für alle. Nachbarinnen und Nachbarn kennen sich, unterhalten sich und helfen einander vielleicht sogar. Sie haben eine soziale Anbindung und vereinsamen weniger. Davon profitiert die Gesellschaft als Ganzes. Nicht nur, weil durch die geteilte Infrastruktur weniger Flächen und Ressourcen verbraucht werden. Sondern auch, weil Einsamkeit krank macht und die Gesundheitssysteme belastet. Und weil vielleicht – hoffentlich – der Zusammenhalt, der im Kleinen entsteht, auch auf das große Ganze wirkt.

Deshalb bin ich begeistert, dass es Initiativen wie das WIRProjekt gibt, das derzeit entsteht. Es will genau solche Projekte anschieben und stellt dabei nicht nur die architektonische und praktische Planung von Gruppen- oder Gemeinschaftsideen in den Fokus, sondern auch die kommunikative Begleitung von der Planung bis zum Einzug: Mitgedacht werden eine professionelle Moderation und – falls nötig – Mediation. Denn gute Nachbarschaft muss manchmal erst gelernt und auf jeden Fall immer wieder geübt werden. Dabei unterstütze ich gerne.

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