Krav Maga und GfK

Gestern habe ich mein Krav-Maga-Training (ja, ich haue jetzt regelmäßig auf andere Menschen ein!) geschwänzt, um Gewaltfreie Kommunikation (GfK) zu machen. Und heute Nacht wollte ich plötzlich genau diesen Satz aufschreiben, um deutlich zu machen, dass ich am liebsten beides gleichzeitig gemacht hätte: mich darin zu üben, gewaltfrei zu sprechen, und zu trainieren, gewaltvoll zu handeln.

Klingt crazy? Ja – Gewaltfreiheit und Draufhauen stehen schließlich im Widerspruch. Und doch macht die Verbindung so viel Sinn für mich.

Zunächst geht es bei Krav Maga nämlich gar nicht um Gewalt. Es geht um Sicherheit – und letztlich darum, dass alle mit mehr Leichtigkeit durchs Leben gehe können. Imrich Lichtenfeld entwickelte das Selbstverteidigungssystems als junger Jude in Bratislava: Dort verteidigte er mit seiner Truppe in den 1930er-Jahren bedrohte Mitbürgerinnen und Mitbürger gegen antisemitische Angriffe und nutzte dazu seine Erfahrungen aus dem Ringen, dem Boxen und anderen Sportarten, die er erfolgreich betrieben hatte. Nach und nach entstanden dabei die sehr effektiven Verteidigungstechniken von Krav Maga.

Die Idee: Leben und leben lassen

Für Lichtenfeld, der später nach Israel emigrierte und 1998 dort starb, ging es bei Krav Maga immer darum, Menschen mental und physisch so zu trainieren, dass sie im Ernstfall in der Lage sind, sich effektiv zu verteidigen („To educate and build people mentally, spiritually, and physically so that in a time of need, one will be able to defend and attack with maximum speed and efficiency„). Dazu gehört für ihn ganz zentral, den eigenen Selbstwert zu stärken (oder erst einmal aufzubauen: „To establish in one a sense of self-worth„). Denn – so die Logik dahinter – wenn man weiß, wofür man kämpft, wird man das sehr viel erfolgreicher tun, als wenn man es nicht weiß. Erst recht, wenn man sich dadurch vielleicht zum ersten Mal selbst die Bestärkung dafür gibt, dass es okay ist, sich zu wehren.

Konsequent weitergedacht kann/soll das Training, so Lichtenfelds große Vision, zu einem Ende der Gewalt in der Welt führen: Denn wenn alle sich effektiv verteidigen könnten und entschlossen wären, das im Ernstfall auch zu tun, dann hätte niemand mehr die Macht zu unterdrücken, zu missbrauchen oder zu töten. Und weil die Leute dann auch viel weniger Angst haben müssten, wären sie insgesamt gelassener – und würden sich gegenseitig in Ruhe unterschiedlich sein lassen, so die Hoffnung. Alle wären einfach entspannter.

Letztlich ist Krav Maga für den Begründer ein Mittel, um Menschen miteinander zu versöhnen („To work toward the bringing together of hearts and ending violence around the world, between all peoples, irrespective of color, race, or religion“). Der von Lichtenfeld geprägte Leitspruch der Bewegung heißt entsprechend: So that one may walk in peace.

Gewalt – zumindest solange sie nur als Kompetenz und Möglichkeit für den Ernstfall existiert – sichert also Frieden. Crazy? Klar.

Und doch leuchet mir persönlich Lichtenfelds Argumentation ein. Ich fühle sie sogar: Seit ich mittwochs Treten und Schlagen lerne mit entschlossenen, starken jungen Frauen, bin ich wirklich oft gelassener – und insgesamt (oft) weniger wütend1. Ich fühle mich stärker und das gibt mir neue Handlungs- und auch Kommunikationsmöglichkeiten, mit und ohne GfK.

Die GfK liebe ich trotzdem nach wie vor. Sie hat mich mir selbst näher gebracht und mir meine Wut gezeigt und erklärt. Gestärkt hat sie mich dadurch nicht unbedingt. Denn bisher habe ich GfK viel zu oft aus einer Position der Schwäche heraus geübt:

  • Ich wollte die Kommunikationsmethode nutzen, um zu widersprechen, ohne Menschen wütend zu machen.
  • Ich wollte Grenzen setzen lernen, ohne jemandem auf die Füße zu treten.
  • Ich wollte Menschen sanft in den Perspektivwechsel locken und ihre Weltsicht verändern, ohne sie zu irritieren.

Was ich bisher oft überhaupt nicht konnte: Menschen mit wirklich entgegengesetzten Weltsichten ihr Ding machen lassen und ihnen empathisch begegnen. Stattdessen wollte ich sie nach meinen Vorstellungen verändern – weil ich mich durch ihre Meinungen und ihr Verhalten bedroht fühle. Meine Angst killt meine Empathie.

Und das war mir gar nicht bewusst, bis ich mit Krav Maga angefangen habe. Jetzt kann ich’s zwar immer noch nicht. Aber ich arbeite von zwei Seiten darauf zu, wirklich empathisch sein zu können: Ich entwickle meine Überzeugung, dass es okay ist, die eigenen Grenzen zu verteidigen, und ich kann mir besser vorstellen, deshalb jemandem zu widersprechen. Gleichzeitig glaube ich immer noch, dass es am besten ist, beides gewaltfrei zu tun!

Fußnote:

  1. Als wir kürzlich im Training an jemanden denken sollten, den wir wirklich fürchten oder hassen, um mit mehr Power auf das Pad einzuprügeln, fiel mir niemand ein. Nicht einmal Trump oder Putin funktionierten. Ich sah sie als arme, ungeliebte Kinder, die nicht anders können, als Annerkennund und Glück in tragischen Strategien zu suchen. Geprügelt habe ich dann natürlich trotzdem, aber bei einigen Kolleginnen klang es deutlich entschlossener als bei mir…. ↩︎